Sascha Borrée legt Steine in einem Wald zusammen in ein Loch, um eine Feuerstelle zu bilden;

Wir machen das mal: Einen Erdofen bauen

Die Nacht in seiner Shelter hat unser Autor Sascha Borrée gut überstanden. Nur hat die Kälte an seinen Kräften gezehrt. Was da hilft? Ein warmes Essen aus dem Erdofen – selbst gebaut natürlich

Text: Sascha Borrée | Fotos: Peter Holst

Es flackert, knistert, wärmt: Gebannt blicke ich ins Feuer, überhöre fast Arnaud Gagné. „Das brennt nicht von alleine weiter“, mosert der Wildnis-Führer, „wir brauchen noch viel mehr Holz. Na los!“

Ich stehe mühsam auf, lasse eine letzte Wärmewelle gegen meine Hände wehen und löse mich nur widerwillig von der Feuerstelle. War eben doch ziemlich kalt, die Nacht im Wald – trotz selbst errichteter Shelter. In den Wäldern der kanadischen Pazifikinsel Salt Spring hatte mir Arnaud gestern gezeigt, wie man so einen Unterschlupf aus Ästen, Zweigen und Blättern baut. Geschlafen habe ich tief, fest und froh. Aber gegen Morgen wurde es knackig kalt. Aufgewacht bin ich schließlich mit eisigen Gliedern – und einem Bärenhunger.

Nur gut, dass jetzt der zweite Teil ansteht: Ich lerne, wie man einen traditionellen Erdofen baut. „Der wird heute noch von Naturvölkern in aller Welt genutzt“, erklärt Arnaud, „und genau wie für die Shelter, findet man alles, was man braucht, im Wald. Werkzeug und Kochgeräte braucht man nicht. Er funktioniert völlig autark.“ Jeder Grill ist dagegen fast schon Hightech-Schnickschnack.

Wie’s schmeckt? Einfach, ehrlich, erdig – und nach ganz grosser Freiheit“

Sascha Borrée

1. Feuerstelle vorbereiten

Los geht’s. Aber der Reihe nach. Noch bevor das Feuer brennen darf, suchen wir eine geeignete Stelle für unseren Erdofen – und finden sie in einem ausgetrockneten Bachbett. „Wasser fließt hier meist nur im Frühjahr“, sagt Arnaud. „Der Untergrund bleibt aber auch sonst feucht, das ist schon mal ’ne gute Waldbrand-Prävention.“ Mit dem Spaten hebe ich eine Grube aus: etwa einen Meter breit, knapp einen halben Meter tief. Praktisch: Im Flussbett liegen auch Dutzende faustgroßer Steine. Damit verkleide ich Boden und Wände der Grube.

2. Anfeuern

Auch den nötigen Brennstoff hält der Wald bereit. Holz, klar! Tote, trockene Tannenzweige geben gut Zunder, mächtig Masse liefern dickere Äste von umgestürzten Bäumen. „Aber keine, die direkt auf dem Boden liegen – die haben schon zu viel Feuchtigkeit aufgesaugt“, erklärt Arnaud. Ich suche, schleppe, bringe die Äste auf Armlänge. Eine Säge hilft ungemein. Fast genauso gut funktioniert aber ein Trick, den mir Arnaud zeigt: Ast waagerecht zwischen zwei nah beieinander stehende Baumstämme stecken, sich mit dem Oberkörper gegen eines der Enden stemmen. Und – knack! Die Holzstücke schichte ich in der Grube. Dann darf ich Feuer machen. Ausschnaufen. Mich aufwärmen. In die Flammen starren. Leider nicht lange, weil Arnaud mich ja gleich wieder zum Holzsammeln schickt: „Wir brauchen Holz für mindestens drei Stunden, erst dann sind die Steine heiß genug.“

3. Matte aus Schilf flechten

Genau das ist das Prinzip des Erdofens: Gegart wird nicht über offenen Flammen, sondern nach deren Erlöschen mit der Hitze, die in den Steinen gespeichert ist. Zuvor, während das Feuer noch brennt, schlage ich mich durch ein nahes Sumpfgebiet, schneide mannshohe Schilfstangen, flechte sie mit Arnaud zu einer dichten Matte – die schützt unser Gargut später vor Dreck und Erde.

4. Jetzt gart’s los

Etwa eine halbe Stunde, nachdem wir die letzten Äste aufs Feuer gelegt haben, erlöschen die Flammen. Zurück bleiben glühende Kohlen, die ich so gut es geht aus der Grube schaufele. Die heißen Steine bedecke ich mit einem Bündel geschnittener Farne, darauf betten wir, was wir gleich vertilgen wollen: Lachs, gefangen vor der kanadischen Pazifikküste, für Arnaud. Für mich als Veganer gibt es Kürbis, Karotten und Süßkartoffeln, gekauft auf dem Bauernmarkt von Salt Spring Island. Ich bedecke die Köstlichkeiten mit einem zweiten Farnbündel. Weil wir unser Essen dampfgaren wollen, gieße ich noch etwas Wasser in die Grube. Laut zischend steigt eine weiße Wolke auf. Mit der geflochtenen Schilfmatte decke ich alles ab, schaufele die Erde drauf – bis nirgends mehr Dampf austritt. Am Ende sieht das Ganze aus wie ein riesiger Maulwurfshügel.

5. Geduld, nur Geduld

Und jetzt? Warten wir. „Hawaiianer bereiten traditionell sogar ganze Schweine im Erdofen zu, das dauert schon mal einen vollen Tag“, erzählt Arnaud. Wir lehnen uns an Baumstämme, strecken die Beine aus. Der Wildnis-Führer berichtet von seinem Leben in den Wäldern, gibt mir Tipps für Begegnungen mit Bären, Wölfen und Kojoten: „Du darfst nicht weglaufen, das löst deren Jagdtrieb aus. Bleib einfach entspannt, dann geschieht Dir rein gar nichts.“ Gut zu wissen, ich merk’s mir. Garantiert.

Zum Glück garen wir kein ganzes Schwein. Fisch und Gemüse schafft unser Erdofen deutlich schneller. Nach rund zwei Stunden darf ich die Erde wieder von der Garstelle schaufeln. Ich entferne Schilfmatte und Farnblätter, gebe mir größte Mühe, keinen Dreck aufs Essen rieseln zu lassen. So ganz gelingt es mir nicht. Als ich endlich in meine erste Kartoffel beiße, knirscht es zwischen den Zähnen. Wie’s schmeckt? Einfach, ehrlich, erdig – und nach ganz großer Freiheit.

Auch raus in die Wildnis?

Wer auch abseits des heimischen Gartens Erdöfen ausheben, Shelter bauen und die Freiheit spüren will: auf den kanadischen Pazifikinseln vor Vancouver gibt es die eintägigen bis mehrmonatigen Wildnis-Kurse von Arnaud Gagné und seinen Kollegen der Thriving Roots Wilderness School. Mehr unter thrivingroots.org.

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