Wir machen das mal: ein Obsidianmesser

Ein echtes Steinzeit-Messer, mit einer Klinge aus Obsidian. Unglaublich scharf – in mühsamer Arbeit per Hand hergestellt. Endlich eine richtige Herausforderung, findet unser Autor. Und wird nicht enttäuscht

Text: Sascha Borrée | Fotos: Peter Holst

Ernsthaft? Das ist jetzt nicht wirklich passiert! In meinem Kopf hallt noch dieses helle, spitze Geräusch nach, es klingt wie eine splitternde Flasche im Altglascontainer. Mit sprachlosem Entsetzen schaue ich zu Ryan, meinem Lehrmeister – der nur ein betretenes „Oh“ herausbringt.

Die schwarz schimmernde Klinge, die eben von Ryans Oberschenkel auf den Asphalt gefallen ist: glatt in der Mitte durchgebrochen. Das hart erarbeitete Werk eines ganzen Vormittags: zersprungen, zerstört, vollkommen wertlos. „Nicht ganz“, korrigiert mich Ryan. „Man kann da noch eine prima Speerspitze draus machen.“ Ein eher schwacher Trost, was soll ich mit einer Speerspitze?

Ein echtes Steinzeit-Messer will ich herstellen, mit einer Klinge aus Obsidian – einem sogenannte Gesteinsglas, das sich bildet, wenn brodelndes Vulkanmagma sehr schnell abkühlt. Bei unseren Ahnen stand Obsidian hoch im Kurs: Wie kaum ein anderes Gestein lässt es sich zu diamantscharfen Werkzeugen verarbeiten, ersatzweise eignet sich dafür aber auch Feuerstein. Die Technik, die mir Ryan heute beibringt, heißt auf Englisch deshalb „Flintknapping“; der Begriff erinnert also nicht zufällig an die Comic-Serie The Flintstones, Familie Feuerstein.

Obsidian ist zwar irre scharf, aber auch zerbrechlich – es wird nicht umsonst als vulkanisches Glas bezeichnet"

Sascha Borrée

Ryan Gauthier, Experte für historische Waffen und Werkzeuge, hat mir auch schon gezeigt, wie man einen englischen Langbogen baut. Damals hatten wir in seinem Garten gearbeitet, jetzt dient uns ein Skater-Tunnel als wettersicherer Werkstatt-Ersatz. „Seit ich Vater geworden bin, sind mir Obsidian-Arbeiten auf meinem Grundstück einfach zu riskant“, erklärt er. „Obsidian splittert mit irre scharfen Kanten. Und man kann noch so gut aufpassen – ein paar winzige Scherben finden immer ihren Weg ins Haus.“

Ich nicke verständnisvoll und finde, dass die Location perfekt gewählt ist: Schließlich haben unsere Steinzeit-Vorfahren in Höhlen gelebt und gearbeitet, der Skater-Tunnel ist das perfekte urbane Gegenstück.

1. Hingucker: Steineklopfen für Zuschauer

Rückblende: Ryan breitet eine wahre Stein-Sammlung auf dem Asphalt aus. Er hält mir ein kindskopfgroßes Exemplar vor die Nase. „Schau dir den mal ganz genau an“, bittet er mich. Sieht halt aus wie ein Stein, ein Klotz mit scharfen Kanten. „Wir wollen ihn erstmal abflachen, also immer an den dicksten Stellen arbeiten“, sagt mein Lehrmeister und deutet auf die spitzen Grate, die sich aus dem Gestein wölben. Dann greift er zu einem kupfernen Stab. Dreschen wir jetzt einfach auf die Erhebungen ein? Nein, ganz im Gegenteil: Ryan dreht den Stein um, legt ihn an seinem Oberschenkel ab, hält ihn mit der linken Hand fest, schlägt mit dem Stab zu. Der Stein scheint unbeeindruckt. Schlecht geschlagen? War wohl nichts, denke ich. Doch dann wendet Ryan den Stein wieder – und zeigt mit die muschelförmige Scherbe, die sich an der Unterseite gelöst hat. „Wir schlagen immer in den Rücken des Grats“, erklärt er. „Der Stein überträgt den Stoß, dadurch löst sich auf der anderen Seite eine Scherbe. An deren Bruchkanten bilden sich neue Grate, da machen wir weiter.“

2. Steineklopfen, zweiter Teil: Technik und Training

Endlich bin ich dran: Stein in die linke, Stab in die rechte Hand. Ich hole aus, ziele, treffe. Stein wenden, zur Kontrolle. Naja, statt einer klar umrissenen Scherbe haben sich eher ein paar Krümel am Rand gelöst. „Übungssache“, sagt Ryan. Also übe ich. Stunde um Stunde. Tag um Tag. Am Abend schickt mich Ryan mit Werkzeug und einem Koffer voller Steine nach Hause: „Flintknapping lernt man nicht mal kurz zwischendurch. Wir sehen uns nächste Woche wieder. Bis dahin musst du üben, üben, üben.“ Und genau das mache ich. Ich trainiere, wie man millimetergenau die gewünschte Stelle trifft. Nicht so leicht, da ich auch noch weit ausholen und kräftig zuschlagen soll. Ich lerne: Es ist wichtig, den richtigen Schlagwinkel zu finden. Bei zu flachem Winkel geschieht oft gar nichts, bei zu spitzem Winkel zerspringt der Stein gerne mal in zwei gleich große Stücke. Denn Obsidian ist zwar irre scharf, aber auch zerbrechlich – es wird nicht umsonst als vulkanisches Glas bezeichnet.

3. Jetzt wird’s ernst: auf Messers Schneide

Eine Woche später treffe ich Ryan wieder. Heute wollen wir endlich das Messer herstellen. Und es wird sich zeigen, ob sich meine Fingerübungen bezahlt gemacht haben. Aber es geht nur mittelgut los: Nach der ersten Stunde habe ich schon zwei Steine ruiniert. Der dritte formt sich durch geduldiges Klopfen langsam zur Klinge. Zugegeben: vor allem auch dank Ryan, der mir noch gute Tipps gibt, an schwierigen Stellen manchmal selbst zuschlägt. So gesehen kann ich ihm nicht wirklich übelnehmen, dass er die Klinge irgendwann wacklig auf seinem Oberschenkel ablegt, sich zur Seite beugt, nach seiner Wasserflasche greifen will … und dann erstarrt, als unser gemeinsames Werk zu Boden stürzt, dort klirrend in zwei Teile zerspringt. Was nun? Noch mal ganz von vorne anfangen natürlich. Was sonst?

Bei der nächsten Klinge passen wir besser auf, langsam stellt sich auch mehr Routine ein. Mit einem Holzstab, an dessen Ende ein Metallpin sitzt, erledigen wir schließlich die feineren Arbeiten. „Für ein Anfängerstück schon nicht schlecht“, sagt Ryan am späten Nachmittag schließlich zufrieden.

4. Packend: eine griffige Sache

Fehlt noch: der Griff, den ich stilecht aus einem Rehgeweih herstelle. Mit einer Säge bringe ich ein Geweihstück auf die richtige Länge, mit einer Raspel kerbe ich es am dünneren Ende so tief ein, dass hier die Klinge reinpasst. Durch weiteres Raspeln flache ich das Geweihstück zur Kerbe hin ab, mit Sandpapier sorge ich schließlich für den Feinschliff.

5. Beste Bindung: dank Baumharz und Rehsehne

Mit einem gummiartigen Gemisch werden Messergriff und -klinge verbunden. Ryan hat die schwarze Masse selbst hergestellt, nach einem Steinzeit-Rezept. Man nehme: Baumharz, Bienenwachs und Holzkohle. Per Feuerzeugflamme erhitze und verflüssige ich die Masse, dicke Tropfen füllen die Kerbe im Geweihstück. Schließlich stecke ich die Klinge rein, warte ein paar Augenblicke ab. Schnell wird der steinzeitliche Kleber wieder kalt und fest. Für zusätzlichen Halt soll jetzt noch eine Rehsehne sorgen: Ryan gibt mir einen getrockneten, gelblichen Strang. Zwischen Zeigefinger und Daumen darf ich ihn in feine Fäden zerpulen. „Gut so, jetzt einspeicheln“, sagt Ryan. Habe ich gerade richtig gehört, einspeicheln? Leider ja, zum Schluss wird es eher unappetitlich: Mehrere Minuten lang muss ich die muffig schmeckenden Fäden im Mund behalten. Der Speichel, so sagt Ryan, reagiert mit den Proteinen in der Sehne, die sich dadurch ganz elastisch um Messergriff und -klinge wickeln lässt – und, wieder getrocknet, fest wie ein Drahtseil wird.

Zum Schluss die Probe aufs Exempel: Ein Apfel lässt sich mit dem Messer schon mal zerteilen. Ich muss allerdings ganz schön fest drücken, hatte mir Obsidian-Klingen doch noch schnittiger vorgestellt. „Steinzeitliche Ärzte haben mit Obsidian sogar operiert. Und manche moderne Chirurgen machen das heute noch“, sagt Ryan. „Aber je schärfer die Klinge werden soll, desto genauer musst du daran arbeiten – das ist dann absolute Profisache.“ Mein Respekt für das Geschick unserer Steinzeit-Vorfahren ist in der letzten Woche jedenfalls erheblich gestiegen. Oder, um es mit den Worten von Fred, dem Familienoberhaupt der Comic-Feuersteins, zu sagen: „Yabba Dabba Doo!“

Auch mal Messer machen?

Ryan Gauthier, Experte für historische Waffen und Werkzeuge, zeigt seine Arbeiten auch auf Instagram. Einsteiger-Workshops im Flintknapping gibt es natürlich nicht nur in Kanada, wo sich unser Autor Sascha Borrée momentan eine kreative Auszeit nimmt, sondern auch bei verschiedenen Anbietern in Deutschland und im Alpenraum.

4 Kommentare

  • DaTjure
    Ein Video wär super
  • Dee
    ...und weil der feine Herr ein Kind hat und zuhause keine Splitter in der Wohnung haben will macht er es in einem Tunnel, wo Kinder spielen und Skateboarder fahren und regelmäßig hinfallen!? Da kannste doch nur mit dem Kopf schütteln...
    • Redaktion
      Lieber Dee, der Skatertunnel wurde gewählt, weil man die Splitter auf dem Betonboden gut und vollständig entfernen kann. Das geht im Garten nicht so einfach. Auf Rasen bzw. Erdboden bleiben immer kleine Splitter über. Auf Betonboden kann man alles zusammenkehren. Das haben wir natürlich gemacht, sodass keine Gefahr für Kinder, Skater, Hunde etc.
      besteht. Liebe Grüße Dein MACHER Team
  • Redaktion
    Anmerkung der Redaktion:

    Über unterschiedliche Kanäle haben wir Kritik hinsichtlich eines Aspekts des Artikels erhalten: Dass der Bau des Obisidian-Messers in einen Skatertunnel verlegt wurde und nicht in einer geschlossenen Werkstatt stattgefunden hat. Wir verstehen euren Unmut darüber, können euch aber versichern, dass nach der Produktion die Fläche natürlich gründlich gereinigt wurde. Auch in Zukunft achten wir weiterhin verstärkt auf den Sicherheitsaspekt.

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