Thierry Millet, Regenschirm-Reparateur aus Paris, repariert in seinem Laden Pep’s, der zugleich seine Werkstatt ist, einen Regenschirm

Mit Schirm, Charme und Zange

Fingerfertigkeit und jede Menge Geduld. Thierry Millet repariert in seiner Werkstatt in Paris Regenschirme – egal welche Preisklasse. Was er dazu können muss, hat er sich selbst beigebracht

Text: Barbara Markert | Fotos: Stéphanie Füssenich

Der terrakottafarbene Luxus-Regenschirm ist gerade erst im Schraubstock eingeklemmt, als es unten im Laden klingelt. Thierry Millet eilt die krumme, enge Stiege seines Atelier hinunter. Dort stehen fünf Kunden geduldig mit ihren kaputten Regenschirmen, der Laden ist voll. „Bonjour, lassen Sie mal sehen“, ruft ihnen Thierry entgegen. Schwungvoll greift er sich die Sorgenkinder aus Nylon und Metall. Nach kurzer Analyse nennt er Diagnose und Preis, fragt die Kunden nach ihrer Telefonnummer und bittet sie, in gut einer Woche wiederzukommen. Eine Viertelstunde später sind alle wieder draußen. Außer Yvette und ihre Schwester. Die beiden 70-jährigen Pariserinnen wollen zusehen, wie Thierry ihren Schirm repariert. „Ich liebe ihn, sehen Sie nur den schönen Knauf in Form eines Entenkopfes!“, sagt Yvette, „leider geht er immer wieder mal kaputt. Ich war schon fünfmal bei Pep’s, und jedes Mal hat Monsieur Millet ihn wieder hinbekommen.“ Bei so treuen Kunden lässt sich der Chef gern erweichen, den Auftrag sofort zu erledigen. Mit geübten Handgriffen und unter Einsatz diverser Zangen ist der kleine Schirm aus den 1980er-Jahren rasch wieder in Schuss.

Charmant und einzigartig. Thierry Millets Laden Pep’s liegt in einer begrünten Passage mitten im Marais-Viertel, nur ein paar Schritte entfernt vom Centre Pompidou
Charmant und einzigartig: Pep’s in Paris

In der Regenschirm-Reparatur Pep’s ist Paris noch so, wie man sich die französische Metropole vorstellt: charmant und einzigartig. Der Laden liegt versteckt in einer schmalen Passage mitten im Marais-Viertel. Das einzige Geschäft in der kleinen Straße. Thierry erklärt: „In Zeiten, in denen man für fünf Euro Schirme kaufen kann, erscheint es vielen unsinnig, ihren Schirm reparieren zu lassen. Dabei gibt es drei gute Gründe für eine Reparatur. Erstens: Sie ist meist billiger als ein Neukauf – eine einfache Reparatur kostet nur ein paar Euro, abhängig davon, was kaputt ist. Zweitens hat jeder Schirm seine eigene Geschichte. Und wer wirft schon einen alten Freund weg? Außerdem ist es ökologischer, denn Schirme lassen sich nicht ohne Weiteres recyceln. Allein in Frankreich landen jedes Jahr 15 Millionen Schirme auf dem Müll. Sie werden verbrannt oder vergraben. Unsere Kinder essen später Karotten, die nach Regenschirm schmecken, so viele stecken bereits im Boden.“

Das Reparieren von Schirmen muss man sich selbst beibringen. Dafür gibt es keine Schule“

Thierry Millet

Thierry weiß, mit welchen Geschichten man Kunden gewinnt. Er ist der geborene Verkäufer. Damit verdiente er früher sein Geld – bevor er 2003 den Laden übernahm. „Mein ganzes Berufsleben arbeitete ich im Verkauf. Ich bin durch Zufall auf die Handels- und Marketingschiene geraten – obwohl ich nie eine der wichtigen Hochschulen besucht habe.“ Statt eines Wirtschaftsdiploms absolvierte Thierry eine in Frankreich sehr angesehene Kunsthandwerk- und Designschule, fing als Stilberater bei einem Möbelhersteller an. Erst begleitete er die Verkäufer, doch schnell übernahm er deren Aufgaben selbst, stieg auf bis in die Direktion. Nach 15 Jahren übernahm er die Geschäftsleitung eines Zentrallagers für Möbel. Alles lief gut, dann wurde die Firma verkauft – und Thierry arbeitslos. Trotz langer Erfahrung im Verkauf wollte ihn niemand einstellen, ihm fehlten die Diplome. Damals, mit Mitte 40, versuchte er es mit einer eigenen Firma – und scheiterte. „Es ging abwärts mit mir, sosehr ich mich auch anstrengte.“ Sein beruflicher Tiefpunkt: Er wurde zum Sozialhilfeempfänger. „In dieser Phase erzählte mir ein Freund, dass Pep’s einen Nachfolger sucht. Ich war der einzige Bewerber.“

Mit Mühe und Glück bekommt er einen Kredit von der Bank. Übernimmt den Laden und beginnt damit, sich selbst auszubilden. „Das Reparieren von Schirmen muss man sich selbst beibringen, dafür gibt es keine Schule.“ Jeden Morgen um fünf Uhr fährt er mit der ersten U-Bahn ins Atelier, baut Regenschirme auseinander und wieder zusammen, abends fährt er mit der letzten U-Bahn wieder nach Hause. Die ersten Monate werden für ihn zur Zerreißprobe: „Ich sollte pro Tag 50 Schirme reparieren und hatte keine Ahnung. Oft saß ich eine Stunde an einem Schirm, stellte dann erst fest, dass ich ganz am Anfang ein Teil vergessen hatte. Ich habe oft geheult, war verzweifelt.“ Schirme, weiß er heute, sind eine komplexe Sache: Bei einem Schirm, der sich automatisch öffnet, sind rund 130 Einzelteile im Einsatz. Ist etwas kaputt, muss man erst das Problem erkennen, eine Lösung suchen und diese dann umsetzen, erklärt der 64-jährige Experte. Thierry hat immer einen lustigen Spruch auf den Lippen, doch jetzt wird er ernst: „In den vergangenen 15 Jahren habe ich viel gelernt. Vieles geht mir leicht von der Hand, aber ich kann noch immer nicht alles. Das muss ich akzeptieren. Etwa hier: Ich dachte, dieser Schirm sei leicht zu reparieren. Ich habe mich getäuscht.“

Viele Werkzeuge habe ich für meine Bedürfnisse angepasst, weil es keine Spezialwerkzeuge für Schirme gibt“

Thierry Millet

Der terrakottafarbene Luxusschirm auf seiner Werkbank liegt jetzt schlapp und in Einzelteile zerlegt auf dem runden Holztisch. Thierry probiert bereits den vierten Nagel aus. Keiner will passen. Entschlossen kürzt er nun selbst die Nägel auf die nötige Länge. „Viele Werkzeuge habe ich für meine Bedürfnisse angepasst, weil es keine Spezialwerkzeuge für Schirme gibt“, erzählt der Meister nebenher. Die meisten Geräte wie Akkuschrauber, Hammer, Zangen kauft er im Baumarkt, manches auch in medizinischen Fachgeschäften. „Das hier ist eine Pinzette für Verbände … dieses Schmuckstück einer Zange kommt von einem Hutmacher. Sie ist über 100 Jahre alt, ich habe sie von meinem Vorgänger geerbt.“ Neben dem Werkzeug ist das Ersatzteillager der eigentliche Schatz seiner Werkstatt. „Es gibt bei Schirmen keine Standards. Jeder Schirm ist anders. Wer wie ich Schirmreparateur werden will, muss erst jahrelang Einzelteile sammeln, bevor er loslegen kann.“

Viele der Streben und Speichen, mit denen nahezu alle Wände seines kleinen Ateliers bis zur Decke bedeckt sind, hat er geerbt. Manche bekommt er von Schirmproduzenten, andere stammen von Schirmen, die sich nicht mehr reparieren ließen. Thierry nimmt sie auseinander, behält Elemente, die er gebrauchen kann, und gibt den Rest zum Recycling. In den Schubladen seiner zahlreichen Schränke stecken Schieber und Scharniere, Nieten und Kugelspitzen – alles akribisch nach Länge und Größe sortiert. Auf Regalen stapeln sich Kisten voller Stoffe, Stöcke, Knäufe und Griffe. Das vollgestopfte Chaos in der Werkstatt täuscht – dahinter steckt eine durchdachte Ordnung.

Thierry Millet, ein begnadeter Geschichtenerzähler, lockt Passanten zu Pep’s. Der 64-jährige Franzose repariert Regenschirme in seinem Laden in Paris
Thierry, der geborene Geschichtenerzähler, lockt Passanten zu Pep’s

Zwischen 8.000 und 10.000 Schirme repariert der Franzose pro Jahr. Dabei ist es ihm egal, ob der kaputte Schirm einmal fünf, 50 oder 500 Euro gekostet hat. „Wenn die Kunden mich nett fragen oder sie mit ihrem Schirm eine besondere Geschichte verbinden, bin ich zu allem bereit. Pro Jahr sind es gerade mal zwei Schirme, bei denen ich nicht helfen kann. Meist fehlen dann einfach die Ersatzteile.“ Einige Reparaturen dauern nur drei Minuten, andere drei Stunden, erklärt er, während er mit Nadel und Faden die Rosette, die kleine textile Verkleidung an der Krone des Schirms, wieder an ihrem Platz annäht. Fertig! Thierry spannt den Luxusschirm zur Probe auf – und ist zufrieden.

Schirme sind Thierrys Leidenschaft geworden, auch wenn sie am Anfang vor allem dazu dienten, sein Auskommen zu sichern. Inzwischen ist Pep’s international bekannt. Über den kleinen Laden im Marais wurde im Fernsehen, im Internet und in Magazinen berichtet, die Werkstatt erhielt die hohe staatliche Auszeichnung als „Entreprise du Patrimoine Vivant“, also eines Unternehmens, das handwerkliches Erbe lebendig hält, sein Besitzer bekam einen Verdienstorden. Was kann da noch kommen? Thierry schmunzelt. Eigentlich wäre der Franzose gern schon vor drei Jahren in Rente gegangen. Aber wie sein Vorgänger fand auch er keinen Nachfolger. Dann flatterte vor rund einem Jahr eine E-Mail aus den USA in sein Postfach. „Ein Amerikaner und seine kanadische Frau werden den Laden übernehmen. Erst wollten sie eine Filiale eröffnen, aber sie haben keine Ersatzteile. Pep’s 50-jährige Geschichte geht weiter – aber ohne mich.“ Kann Thierry überhaupt von den Schirmen lassen? Er lacht und sagt verschmitzt: „Ich werde mich sicherlich langweilen. Aber vielleicht mache ich ein neues Business auf: das Recyceln von kaputten Schirmen. Das könnte ein echtes Geschäft werden.“

Schirme mit sieben Leben

Wer mehr über Thierry erfahren will oder selbst Regenschirme zur Reparatur geben möchte, kann sich hier informieren.

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