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Klein, fein, meins

Sechs Bauwagen, umgewandelt zu vollwertigen Minihäusern. Klaus Madsen baut Tiny Houses. Gerade arbeitet er an Nummer sieben – weil er einfach nicht aufhören kann

Text: Catharina König | Fotos: Verena Berg

Klaus Madsen, 58, sägt schon wieder. Er muss ein paar Holzlatten zuschneiden für Bauwagen Nummer sieben. Der soll sein Meisterstück werden. Größer und besser als die sechs Bauwagen, die er im Wagendorf Berlin-Karow schon für seine Familie zu Tiny Houses umgebaut hat. Die Minihäuser sitzen auf den Chassis von Bauwagen. Gerüst, Wärmedämmung, Elektrik, Innenverkleidung, Einrichtung – alles macht der gelernte Tischler selbst. Und im Alleingang. Auch bei Tiny House Nummer sieben. Dafür hat sich Klaus etwas Besonderes überlegt: bodentiefe Glasfenster. Für den Arbeitsplatz seiner Frau Susan.

Die Wände sind mit zementgebundenen Spanplatten verkleidet. Die hat er bereits bei einigen anderen Bauwagen eingesetzt. Sie machen optisch mehr her als herkömmliche Spanplatten und sind nicht brennbar. Das ist wichtig, denn alle Bauwagen Madsens sind mit einem alten dänischen oder norwegischen Holzofen ausgestattet.

Mit und neben ihm und Susan wohnen ihre Kinder in den Tiny Houses. Zusammen mit deren Partnern und Freunden macht das: neun Menschen und sieben Katzen in bisher sechs Bauwagen. Einer der Bauwagen ist für alle Küche und Badezimmer zugleich, darin steht ein alter, aus Dänemark stammender Holzzuber. Eigentlich ist alles da, könnte man meinen. Klaus hört deshalb aber noch lange nicht auf: „Es gibt doch immer was zu tun“, sagt er knapp. Er braucht das Bauen.

 

Rettung und Berufung

Vor etwa fünf Jahren lebte Klaus mit seiner Patchwork-Familie noch in Berlin-Zehlendorf. Sie führten ein ruhiges, bürgerliches Leben. Dann hatte Klaus einen Herzinfarkt. Und der brachte ihn und seine Frau ins Grübeln: Wie wollen wir leben? Was und wie viel brauchen wir zum Glücklichsein? Ein Besuch bei Freunden im Wagendorf Karow brachte die Antwort: Ein einfaches, freies Leben. Das brauchten sie. Gesagt, getan. Sie zogen ein. Klaus baute sein erstes Tiny House – und fand dabei seine Berufung.

Vier Monate lang arbeitete er an seinem ersten Bauwagen. Vom Rohgerüst über die Dämmung bis hin zu den Fenstern und dem Vordach, das noch immer auf eine Plexiglas-Scheibe wartet, um regenfest zu sein. Sein Einfallsreichtum kann zum Problem werden: „Ich habe immer ein Bild vor Augen, wie etwas aussehen soll. Dann mache ich alles Grobe, aber am Ende habe ich manchmal einfach keine Lust mehr auf den Kleinkram. Weil ich schon wieder die nächste Idee im Kopf habe und damit anfangen will.“

Klaus Madsen, gelernter Tischler, baut seine Tiny Houses im Wagendorf Karow in Berlin selbst – aus alten Bauwagen
Gebaut mit Bedacht: die Tiny Houses von Klaus Madsen

Ich habe immer ein Bild vor Augen, wie etwas aussehen soll“

Klaus Madsen

Inspirationen für seine Bauwagen holt er sich von Architekturblogs, dort hat er zum Beispiel die bodentiefen Fenster entdeckt. Design ist ihm wichtig: Einige Tiny Houses hat er mit dem gleichen Holz verkleidet, damit sie schon von Weitem eine Einheit ergeben. Beim derzeitigen Eltern-Schlafwagen will er sich auch im Innenraum noch verwirklichen: „Der soll ganz schwarz werden, aber aus unterschiedlichen Materialien.“ Er muss es eben machen, wie er es für richtig hält. „Vor einigen Jahren“, erinnert er sich, „sollte ich für eine Berliner Politikergattin und ihre 400 Paar Schuhe einen Schrank bauen. Da dachte ich nur, ‚Klaus, was machst du denn da?’“ Mit den Tiny Houses baut er jetzt etwas, das Sinn ergibt.

Alles, was Klaus wirklich braucht, sind Baumaterial und seine Hände. Seine Minihäuser heben sich in ihrem Aussehen deutlich von den anderen Wagen im Dorf ab: „Viele hier bauen mit Resten. Wenn ich eine Idee habe, will ich aber, dass es auch genau so aussieht, dann will ich mich nicht auf die Größe einer Tür oder eines Fensters beschränken, weil gerade nichts anderes da ist.“ Dann wartet er schon mal etwas länger auf Material und baut stattdessen an einem anderen Wagen weiter. „Manchmal verrenne ich mich auch, dann bin ich wie im Tunnel“, gesteht er. Etwas abbrechen musste er deshalb aber noch nie. Er findet immer einen Weg, wie er seine Ideen umsetzen kann.

Klaus Madsen arbeitet gerade an Tiny House Nummer sieben. Was er danach tut? Wahrscheinlich weiterbauen
Er baut und baut und baut – derzeit an Tiny House Nummer sieben

Es gibt doch immer was zu tun“

Klaus Madsen

Im Frühjahr soll Klaus’ Meisterstück fertig sein: Tiny House Nummer sieben. Im August und September baute er das Gerüst und dämmte die Wände. Fenster, Türen und Innenverkleidung sind auch schon drin. Nun muss noch die Veranda fertiggestellt und das Vordach mit Wellblech abgedeckt werden. Außerdem fehlt noch der Holzofen. Ein Doppelbett und ein langer Tisch, an dem alle Platz haben, sind schon eingebaut. Denn zum Essen zusammenkommen, den Gemeinschaftssinn wahren, das ist der Familie wichtig.

Dann sagt Klaus Madsen diesen einen Satz, den man kaum noch hören mag, der sich nach Esoterik anhört, aus seinem Mund aber erfrischend und ehrlich klingt. Und der an diesem Ort, im Wagendorf in der Wintersonne, einfach passt: „Wir sind im wahrsten Sinne des Wortes geerdet.“ Auch dank der selbst gebauten Tiny Houses und der Arbeit an ihnen. So können sie ihr einfaches, sinnvolles Leben führen –  genauso wie sie es wollten.

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