Aus ’ner Mücke einen Elefanten machen – das können selbst die Tiermaschinenbauer in Nantes nicht. Neben dem Grand Eléphant haben sie aber auch schon Rieseninsekten konstruiert – etwa diese maschinelle Ameise

Im Reich der lebendigen Maschinen

Ein Zoo ganz anderer Art: Gigantische Maschinentiere bevölkern die französische Île de Nantes. Ihre Konstrukteure nehmen die fiktiven Welten von Jules Verne als Vorbild, leben mal in der Realität, mal in der Fantasie – und gehen hier wie dort bis an die Grenzen des Machbaren

Text: Olaf Tarmas | Fotos: Odile Hain

Haushoch steht der Grand Éléphant, ein mechanischer Dickhäuter, in der Halle. Eine gewaltig gewölbte Stirn aus Tropenholz, Riesenohren aus genieteten Lederlappen. Der Elefant von Nantes wird gerade gewartet. Das Maschinentier, das wirkt wie eine Kreatur aus einem Jules-Verne-Roman, kann laufen, Menschen befördern, mit seinem Rüssel auch Wasser versprühen. Doch derzeit heißt es: Fußpflege per Flex, Augenlid-Behandlung mit dem Akkubohrer. Und für den Holzkopf gibt’s eine ordentliche Politur.

 

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Publikumsliebling: der Grand Éléphant
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Die Maschinen-Ameise in Nahaufnahme

Wir konstruieren lebendige Maschinen!“

Pierre Orefrice

Pierre Orefrice, ein grauhaariger Mittfünfziger und sein hager-sportlicher Kumpel François Delarozière sind die geistigen Väter des Giganten. Für die Außenhaut hat das Duo nur wertige, handwerklich bearbeitete Materialien verwendet, Holz, Leder, Stahl. Hinter dem nostalgisch wirkenden Design steckt modernste Technik: eine hochkomplexe Hydraulik, die die einzelnen Bewegungen ausführt. Kabel, Kolben und Schläuche, die zwischen den Spalten der Holzverkleidung aufblitzen.

Der Maschinenzoo: Spielwiese für Spinner und Fantasten

Früher wurden hier auf der Île de Nantes, einer großen Flussinsel in der gleichnamigen westfranzösischen Hafenstadt, Schiffe gebaut. Heute dient eines der alten Lagerhäuser als Standort des verschrobenen, 2007 eröffneten Maschinenzoos Les Machine de l’Île. François Delarozière ist seit mehr als 20 Jahren im Tiermaschinenbau aktiv. Er arbeitete ab 1991 für die französische Straßentheater-Truppe Royal de Luxe, baute dort anfangs Kulissen, dann begann er mit den tierischen Fabelwesen: Giraffen, Nashörner – und zum Schluss ein gigantischer Elefant.

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Der zwölf Meter große Grand Éléphant von Nantes ist eine Weiterentwicklung dieses ersten Maschinen-Dickhäuters. Wichtigste Neuerung: Anders als sein Vorgänger kann er Passagiere transportieren. Wer in seinem Bauch mitreist, taucht ein in diese fantastische Jules-Verne-Welt. Fühlt sich wie an Bord der Nautilus, des U-Boots des Kapitän Nemo in „20.000 Meilen unter dem Meer“. Ledergepolsterte Bänke, viel Holz, eine Wendeltreppe mit filigran geschmiedetem Geländer. Dazu der Einblick in die aufwendige Hydraulik: der Grand Éléphant – eine seltsame Kreuzung aus 19. und 21. Jahrhundert.

Maschinentiere für Übersee

Der Elefant ist zwar die bekannteste, aber längst nicht die einzige Attraktion des Maschinenzoos. Schiffe, Seepferdchen und Seeschlangen bevölkern ein drei Stockwerke hohes „Karussell der Meereswelten“. Auch auf maschinellen Vögeln und Spinnen fahren die Besucher dieses Tierparks. Mittlerweile baut die Compagnie la Machine, die Firma hinter dem Maschinenzoo, auch Tiere für den Export nach Amerika und China.

Ein Mitarbeiter steht mit Hammer und Beitel an der Werkbank, er will Echsenschuppen schnitzen, Hautstücke für Longma, das Drachenpferd. „Longma gehört zur nächsten Maschinengeneration“, sagt Pierre Orefrice, „er kann viel mehr als der Elefant: schnell laufen, steigen, mit den Hufen strampeln. Als Drachenpferd spuckt Longma natürlich auch Feuer, Wasser und Rauch.“ Das mit dem Laufen ist allerdings eine dieser – exzellent gemachten – Illusionen. Tatsächlich rollt Longma, genau wie der Grand Éléphant, auf Gummireifen, wird angetrieben von einem Motor, der im Hinterteil des Tiers steckt. Die Lenkung des Drachens von Hand zählt zu den begehrtesten – und schwierigsten – Jobs, die in der Compagnie zu vergeben sind. Je ein eigener Pilot, manipulateur genannt, sitzt am Kopf und an jedem der vier Beine.

Maschinenbeine? Haben sie schon viele geschrottet

Longma ist ein ehrgeiziger Entwicklungsschritt für die Compagnie, letztlich aber nur eine weitere Etappe auf dem Weg zu noch größeren Projekten. Die „größte Verrücktheit“, wie Pierre Orefrice sagt, soll 2021 fertig sein: ein 40 Meter hoher, begehbarer Baum aus Stahl, bepflanzt mit echten Bäumen, Farnen, Blumen, bewohnt von riesigen Maschinen-Spinnen, -Raupen und -Ameisen. Ganz oben, in Höhe der 50 Meter breiten Baumkrone, wollen die Konstrukteure dann zwei gigantische Maschinen-Reiher kreisen lassen, mit Platz für Passagiere unter den hölzernen Flügeln.

Wir wollen Grenzen erforschen – und immer das machen, was gerade noch drin ist“

Pierre Orefrice

In den Büros von Pierre Orefrice und François Delarozière liegen noch jede Menge Skizzen, Vorlagen für viele weitere Kreaturen. „Nicht alles lässt sich verwirklichen“, sagt Orefrice und erzählt von seiner Idee, einen Adler über dem Gelände kreisen zu lassen – keine Drohne aus Plastik, sondern eine schwere Stahl- und Holzkonstruktion, aufgehängt an einem Kabel. „Da sind wir technisch an eine Grenze gestoßen. Aber genau darum geht es.“

Jules Verne

Der in Nantes geborene Schriftsteller Jules Verne (1828-1905) gilt als einer der Begründer der Science-Fiction-Literatur. Den Konstrukteuren des Maschinenzoos diente er als geistiger Ahnherr, vor allem folgende Werke beeinflussten die Zoodirektoren:
„Das Dampfhaus“
„20.000 Meilen unter dem Meer“
„Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“
„Reise um die Erde in 80 Tagen“
„Die geheimnisvolle Insel“
„Von der Erde zum Mond“

Maschinentiere_JulesVernes
Jules Vernes fiktive Welt diente als Vorbild für die Konstruktionen auf der Île de Nantes

Les Machine de l’Île

Parc des Chantiers
Boulevard Léon Bureau
442000 Nantes

täglich geöffnet 10-17 Uhr

lesmachines-nantes.fr

Einige Touren, etwa die mit dem großen Elefanten, können nur im Voraus online über die Homepage gebucht werden; sie kosten zwischen 5,80 und 8,50 Euro.

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