Frisch gegossen und noch im Tonmantel: ein Mitarbeiter der Glockengießerei Marinelli im süditalienischen Agnone fertigt eine Kirchenglocke

Glocken für die Ewigkeit

Handwerkliches Können aus der Antike, von Generation zu Generation weitergegeben: In der Glockengießerei Marinelli wird Tradition großgeschrieben. Und Leidenschaft. Die braucht man auch. Denn Glockengießen ist ein Knochenjob

Text: Sandro Mattioli | Fotos: Roberto Salomone

Feuer, Erde, Wasser und Luft. Wo alle vier Elemente zusammenwirken, muss etwas Besonderes herauskommen. Wenn Menschen diese Elemente mit ihren Händen verarbeiten, entsteht dann etwas Außergewöhnliches. Wie in der Glockengießerei Marinelli. Hier, im Bergstädtchen Agnone in Süditalien, werden seit 800 Jahren Kirchenglocken zum Leben erweckt.

Seit 16 Jahren auch von Luigi Catalano, 38. Er ist Mitarbeiter der „Campane Marinelli – Pontificia Fonderia di Campane“. Wie so oft in all den Jahren hat er auch heute Vormittag die Grube mit den Glocken ausgeschaufelt. Ein Knochenjob, das sieht man ihm an. Luigi, ein Tier von einem Mann mit kräftigen Oberarmen, lehnt müde in der Ecke der Grube, neben sich die Schaufel. Er schaut auf den riesigen Tonberg vor sich, in dessen Innerem sich eine frischgebackene Glocke verbirgt. Hoffentlich ist genug Erde abgetragen, und das unförmige Ding lässt sich endlich in die Höhe hieven. Luigi, der lieber anpackt als redet, sagt nur: „Los geht’s.“ Sein Kollege Pasquale Vecchiarelli, 30, nickt. Ein Warnton zerstört die Stille in dieser Halle. Mit einem Druck auf die Fernbedienung lässt Pasquale den Kran heranfahren, er ist auf Schienen im Hallendach gelagert. Später wird man kaum neben den Glocken stehen können, wenn sie geschlagen werden. So laut ist es dann. Der Fertigungsprozess aber geht fast in völliger Stille vonstatten. Ganz einfach, weil fast keine Maschinen zum Einsatz kommen, die Krach machen würden.

Bis es bei den Stücken, die vor Luigi und Pasquale in der Erdgrube stehen, so weit sein wird, dauert es noch. Bis zu drei Monate brauchen sie, um die teils mehrere Tonnen schweren Instrumente zu fertigen.

Wir fertigen die Glocken hier wie vor tausend Jahren, dieselben Materialien, dieselben Techniken"

Armando Marinelli

Für Luigi sind es drei Monate Arbeit. Für Armando, 58 Jahre alt, und seinen zehn Jahre jüngeren Bruder Pasquale Marinelli, die Inhaber des Unternehmens, ist es eine Passion. Dieser Begriff, auf Deutsch „Leidenschaft“, wird im Italienischen viel zu oft verwendet. Alle tun ständig alles mit „passione“. Für die zwei Brüder ist es nicht nur ein Wort. Obwohl sie die Herstellung schon tausendmal beschrieben haben, sind sie immer noch Feuer und Flamme. „Wir fertigen die Glocken hier wie vor tausend Jahren, nutzen dieselben Materialien – 78 Teile Kupfer und 22 Teile Zinn für das Gießen, Mörtel, Ton und Erde für das Modell – und dieselben Techniken“, sagt Armando und fasst stolz die Geschichte des Betriebs zusammen: „Unsere Familie kam um 1200 aus Venetien hierher und brachte ihr handwerkliches Können mit, Glocken zu gießen.“ Bis 1950 lag die Gießerei mitten in der Altstadt von Agnone. Dann brannte sie nieder, die Familie errichtete eine neue Halle am Rand der Stadt.

Armando (li.) und Pasquale Marinelli (re.) leisten Schwerstarbeit: Die Glocken, die sie mit solchen Formen gießen, wiegen mehrere Tonnen
Die Marinellis: stolze Glockengießer seit 800 Jahren

Seitdem hat sich nicht viel verändert, wenn man vom Staub absieht, der sich ständig über alles in der Halle legt. Glocken herzustellen produziert jede Menge davon. Nur ein gelber Gabelstapler und etwas frisch gegossene Bronze blitzen aus dem Staubbraun hervor.

Vor ein paar Jahren kam ein neuer, mit Gas beheizter Ofen dazu. Die großen Glocken werden aber noch immer mit Holzfeuer gegossen. „Der alte Ofen ist zehnmal leistungsfähiger“, sagt Armando. Sieht man von ein paar Sägen und Schleifmaschinen ab, käme der Betrieb fast ohne Strom aus.

Die Seele der Glocke

„Hier ist das Herzstück unserer Fertigung“, sagt Armando und zeigt auf ein paar verstreut stehende Tonkegel. Aus manchen raucht es dezent wie aus einem Vulkan. „Hier wird die Kreatur geboren – die Glocke!“, erklärt Armando stolz.

Er nimmt ein paar Steine in die Hand und eine Maurerkelle. Dann wirft er etwas Mörtel auf einen Steinkreis vor sich, den ein Kollege schon gemauert hat. Armando setzt einen Backstein auf, schmiert den überschüssigen Mörtel an die Seite und nimmt einen weiteren Stein. Wenn Glockengießer über ihr Handwerk berichten, benutzen sie oft Begriffe mit Tiefe: „So wird die Seele der Glocke gebaut.“ Was spirituell klingt oder romantisch, ist in Wahrheit die Form für die Innenseite der Glocke: Der Backstein wird dazu mit Ton überzogen. Aus der Mitte des Steinkreises ragt ein Pfahl mit einem Lager aus Metall heraus. Darin wird eine Stahlschablone so eingehängt, dass sie um den Backsteinbau kreisen und aus dem Ton die exakte Innenkurve der Glocke schaben kann.

Ton auf Ton

Auf diese Tonform wird mit Gips das Modell der späteren Glocke aufgetragen. An der Schablone lässt sich die Klinge der Innenform abnehmen, übrig bleibt dann die für die äußere Form der Glocke. Jetzt fehlen noch die späteren Verzierungen. Die Vorlagen dazu aus Wachs werden auf den Gips aufgebracht. Ob Schriften, Heiligenbilder oder Sterne, alles ist möglich. Dann schmieren die Glockengießer eine feine Tonschicht darauf, auf die wiederum gröberer Ton aufgetragen wird. „Das ist eine Besonderheit unserer Methode“, erklärt Armando. „Andere Gießereien gravieren die Verzierungen, bei uns sind sie Teil der Glocke selbst.“

Besonders stolz sind die beiden Brüder auf noch etwas: Sie dürfen die päpstlichen Insignien verwenden. Dieses Recht kann nur der Papst persönlich verleihen, die Gießerei hat es seit fast hundert Jahren inne. Deswegen hängt vor dem Firmengebäude über der Aufschrift „Päpstliche Gießerei Marinelli“ neben der italienischen und der europäischen auch eine weiß-gelbe Fahne, die des Vatikans. Und auf den Glocken prangt das päpstliche Wappen.

Brennende Kohlen im Inneren des Glockenkokons trocknen Mörtel, Gips und Ton, lassen das Wachs danach schmelzen und den Rest hart werden. Nur dort, wo die Formen für die zukünftigen Glocken stehen, ist es warm. Ansonsten kühlt die frische Bergluft die Werkstatt auf wenige Grad herunter – und Pasquale und Luigi ab. Sie müssen jetzt wieder ran: Die beiden heben mit dem Kran die äußere Schicht an und zerklopfen das Gipsmodell mit dem Hammer. Anschließend wird die äußere Hülle wieder heruntergelassen. Den Hohlraum zwischen diesen beiden Formen füllt später flüssige Bronze, die dann die Glocke bildet. Oft kommen Priester der Gemeinde, die die Glocke in Auftrag gegeben hat, und segnen das flüssige Metall. Zuletzt erst vor zwei Tagen, wie immer von Gebeten begleitet.

Damit beim Gießen nichts verrutscht, werden die Formen eingegraben, bis zu fünf Meter tief stehen sie in der Erde. Dieses Mal waren es nur zwei Meter, doch das ist immer noch genug Erde, die ausgeschaufelt werden muss. Immer noch genug, um einen gestandenen Mann wie Luigi fast fertigzumachen. Ihm läuft der Schweiß von der Stirn, da hat auch die kurze Abkühlung durch die Bergluft nichts gebracht.

Seit 800 Jahren geben wir das Wissen vom Vater zum Sohn weiter"

Armando Marinelli

„Hoch!“, ruft er jetzt. Pasquale drückt auf den Knopf, die Glocke hebt sich, doch irgendwo ist was blockiert. „Mist!“, flucht Pasquale, doch dann hebt sich das Ding doch, und die beiden Männer bugsieren das Ungetüm mit aller Kraft aus der Grube. Aus dem Boden dampft es, da das Metall noch heiß ist. Der Schweiß läuft wieder stärker.

„Seit 800 Jahren geben wir das Wissen vom Vater zum Sohn weiter“, sagt Armando. „Und immer hatten die Väter Sorge, dass die Kinder die Tradition nicht fortführen wollen.“ Sein Vater war früh gestorben, sein Onkel hat ihn nicht gezwungen, den Betrieb zu übernehmen. „Mein Bruder und ich wollten den Betrieb umbauen, um maschinell zu gießen“, sagt Armando. Ihr Onkel habe sie aber überzeugt, dass die herkömmliche Methode besser sei. Heute weiß Armando, dass er recht hatte: Andere Betriebe, die industriell fertigten, gerieten in Schwierigkeiten. Marinelli-Glocken dagegen sind in der ganzen Welt gefragt.

Sein Sohn Ettore, 26 Jahre alt, mischt inzwischen ebenfalls mit. Das Unternehmen ist trotz der Traditionspflege inzwischen besser aufgestellt. Es gießt auch Skulpturen, und im Stockwerk über der Produktion vermittelt ein Museum Einblick in die Geschichte der Glocke.

Aufgebaut hat es Armandos Frau Paola, 54 Jahre alt, die erste Frau im Betrieb. Sie kümmert sich neben dem Museum auch um den Bereich Kunst, denn inzwischen gießt das Unternehmen nicht nur Glocken, sondern auch Skulpturen aus Bronze. Auch im Büro und wenn Besuchergruppen kommen, hilft sie mit.

Der Maestro des Klangs

Mit einem schweren Hammer treibt Luigi die Stahlbolzen, die kreuzweise unter der Glocke verlaufen, heraus. Dann greifen er und Pasquale zu einem kleineren Hammer und klopfen den Tonmantel ab. Sie schälen eine Glocke heraus, die keineswegs glänzt, sondern eine schwarze Außenschicht hat, die erst unter dem Druck von Drahtbürsten verschwindet. Erst dann glänzt die Glocke silbern. Mit zunehmendem Alter wird sie ihre Farbe von glänzendem Silber über matte Bronze bis zu einem sanften Grünton ändern. Doch ob sie die Werkshalle verlässt, bestimmt der Maestro. Nur Glocken, die seine Klangprüfung bestehen, werden freigegeben.

Klangtest für die Glocke. Der Maestro Antonio degli Quadri ist Experte bei Schwingungen bei Glocken und überprüft die Glocken, die in der Gießerei Marinelli hergestellt wurden
Der Maestro: ein Experte für Schwingungen

Der Maestro, das ist Antonio degli Quadri, 81 Jahre alt. Er kommt jeden Tag in die Firma, um eine justierbare Stimmgabel an die Glocke zu halten. Eigentlich ist er Elektroschweißer, doch das Testen von Kirchenglocken hat er von seinem Vater gelernt, der auch schon für die Gießerei arbeitete. Wenn alles passt, nimmt die Glocke die Schwingung der Stimmgabel sofort auf und gibt den eingestellten Ton wieder, genau 435 Hertz. Reagiert sie auf eine andere Schwingung der Stimmgabel, beispielsweise das A mit 440 Hertz, dann wird sie wieder eingeschmolzen. Denn gute Glocken schwingen mit genau 435 Hertz. Dann erst macht sich das Instrument auf den Weg fort aus der süditalienischen Provinz, hinaus in die Welt. Marinelli-Glocken hängen im schiefen Turm von Pisa, auch bei der UNO in New York erklingt eine.

Diese Glocke geht nach Süditalien. Sofern sie nicht vom Blitz getroffen wird oder herabstürzt, wird sie dort eine halbe Ewigkeit lang ihren Dienst verrichten. Und wenn Armando zufällig einmal an dem Glockenturm vorbeikommt, während es oben läutet, wird er am Klang voller Stolz und Dankbarkeit erkennen, dass diese Glocke einst unter seinen Händen entstand.

Mehr davon

Wer mehr zur Geschichte der Glockengießerei Marinelli erfahren möchte, kann ihr hier folgen.

Jetzt kommentieren

Jetzt kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Dieser Name steht später über Deinem Kommentar. Du kannst auch ein Pseudonym wählen.

* Pflichtfelder bitte ausfüllen