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Fertig ist die Laube

Schrebergärtner sind Spießer? Dann muss sich die Theaterfrau mit den tätowierten Armen wohl verirrt haben. Von wegen: Eine neue Pächter-Generation erobert die Kleingärten und befreit sie vom 50er-Jahre-Mief. So wie Tina Hinssen, die gerade ein eigenes Häuschen auf ihrer Parzelle im Kleingartenverein Horner Marsch errichtet

Text: Sascha Borrée | Fotos: Lucas Wahl

Vier Jahre lang ist Tinas Hinssens grünes Glück perfekt: ein eigener Garten, mitten in Hamburg, in einem Hinterhof auf St. Pauli – der Traum vieler Großstädter. Doch dann, im Herbst 2014: Der Besitzer beschließt, den Garten für gutes Geld zu vermieten. Nur leider nicht an Tina.

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Tina baut die Unterkonstruktion

Tina Hinssen ist von der zupackenden Sorte. Arbeitet als Bühnenmeisterin am Hamburger Schauspielhaus, hat 30 Techniker unter sich und sagt nach ihrer Vertreibung aus dem Hinterhof-Paradies ohne Zögern: „Ohne Grün geht’s nicht, ein neuer Garten muss her.“ Die einzige realistische Alternative steht allerdings unter schwerem Spießerverdacht: eine Parzelle in der Schrebergartensiedlung. „Ich wollte ja wieder einen Garten, hatte deshalb keine andere Wahl.“ Aber: Allein in Hamburg gibt es 34.000 Parzellen, die fast alle unbefristet verpachtet sind. In der Schrebergartenkolonie Horner Marsch darf Tina schließlich eine komplett unerschlossene Parzelle pachten, ohne Strom, Wasser und Gartenlaube. „Ich musste mich verpflichten, innerhalb von zwei Jahren selbst eine Laube draufzustellen.“ Denn einen Kleingarten ohne Gartenhaus – das darf es hier laut Satzung nicht geben.

Mit Trial and Error geht’s voran

Als Tina ihren neuen, 640 Quadratmeter großen Garten bezieht, ist es Herbst und zu spät zum Hausbau, also zimmert Tina erstmal einen kleinen Geräteschuppen. Im folgenden Winter zeichnet sie Pläne für ihr Gartenhaus. Die Grundfläche, rund drei mal fünf Meter, ein Satteldach, hoch genug für die geräumige Schlafnische, dazu eine Terrasse.

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Wohlverdiente Belohnung: der Feierabend-Wein

Erster Schritt im Sommer drauf: die Punktfundamente gießen – denn im Herbst wird der Garten regelmäßig zum Teich. Tina macht sich an die Arbeit, mit Maurerschnur, Zollstock und Winkel bestimmt sie die Positionen. Markiert eine nach der anderen, steckt Pflöcke ein, setzt manche gleich wieder neu, korrigiert: „Keine Frage, ein Betonbauer kriegt das besser hin. Aber meine Methode funktioniert auch, ist halt Tina-Style.“

Aber meine Methode funktioniert auch. Ist halt Tina-Style"

Tina Hinssen

Dann: die Löcher für die Fundamente ausheben, 60 bis 80 Zentimeter tief. Als Tina am nächsten Tag mit den Betonsäcken anrückt, regnet es in Strömen, die Löcher sind voll Wasser gelaufen. Wie praktisch: „Man musste nur Beton und Kies reinkippen, umrühren, fertig.“ Nächste Schritte: Stahlanker in den Beton drücken, alles ein paar Tage aushärten lassen, schließlich Holzpfosten in die Anker setzen. Mit Säge, Schlauchwaage und Holzlatten noch auf gleiche Höhe bringen – passt.

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Ständerkonstruktion: ein Tag. Dachstuhl zimmern und mit Brettern eindecken: zwei Tage

Das Anti-Fertighaus entsteht

Jetzt wächst das Häuschen langsam in die Höhe: zehn Tage braucht Tina für die Unterkonstruktion, je einen Tag für den Bodenbelag und die Ständerkonstruktion, weitere zwei, um den Dachstuhl zu zimmern und mit Brettern einzudecken. Schließlich sind die Wände dran. Während ihre Freunde in der Sonne am Elbstrand liegen, steht Tina jetzt fast täglich mit dem Akkuschrauber auf der Leiter. Ihre seltenen Versuche, sich für manche Arbeiten doch ein wenig Unterstützung zu holen, bleiben erfolglos. Es bleibt bei Eigenregie, besser so. Die Einzelkämpferin sägt, schraubt, hämmert, freut sich ansonsten über die Stille. Nur die anderen Kleingärtner aus der Kolonie schauen manchmal nach dem Rechten.

Nageln, Schrauben, Sägen – für manche Arbeiten hat sich Tina Helfer geholt

Was sie denn da überhaupt mache, fragt einer. Wie bitte, ein eigenes Häuschen bauen? Ob sie denn nicht wisse, dass man Gartenlauben auch als Fertigbausatz kaufen könne? Tina und die Schrebergärtner: Auf den ersten Blick prallen zwei Welten aufeinander. Hier die toughe Kiezbraut und Theaterfrau, schon von Berufs wegen eine Meisterin des Vorläufigen, der Improvisation, dort das kleinbürgerliche Gartenidyll, streng reguliert durch Vorschriften und Gesetze. Wie eine anständige Gartenlaube auszusehen hat? Wie und wie oft die Hecke zu pflegen ist? Dass und auf wie viel Fläche man hier Obst und Gemüse anzubauen hat? Alles klar geregelt in Vereinssatzungen und dem Bundeskleingartengesetz, unter Profis auch BKleinG genannt.

Kleingärten sind groß im Kommen

Die junge Theaterfrau zwischen alten Gartenbesitzern ist allerdings längst kein Einzelfall mehr, denn es tut sich was in deutschen Großstadt-Kleingärten. Die Nachkriegsgeneration räumt ihre Parzellen, neue Leute entdecken die Lust am kleinen grünen Glück. Nicht mal unter ausgewiesenen Hipstern gilt der eigene Schrebergarten noch als Tabuthema.

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Das Fenster im Dachgiebel sitzt
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Für die Wände braucht Tina eine ganze Weile – gearbeitet wird aber bei fast jedem Wetter

Tina arbeitet einen ganzen Sommer lang an ihrem Gartenhaus. Als sie im September noch nicht fertig ist, aber wieder zurück ans Theater muss, bittet die Bühnenmeisterin doch noch ein paar Freunde und Kollegen um Hilfe. An einem einzigen Wochenende schließen sie zusammen die letzten Lücken in der Wand, decken auch gleich das Dach mit Schindeln ein. Fertig? Fast. Im kommenden Sommer will Tina ihr Häuschen innen ausbauen: Schlafnische, Kochnische, Schränke. Und dann ist da noch eine Freundin, die unlängst die Parzelle nebenan gepachtet hat. Die bräuchte jetzt auch eine eigene Gartenlaube – so will es die Verordnung.

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Die (fast) fertige Laube

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