Der französische Designer Gaël Langevin steht vor einem InMoov-Roboter, einem lebensgroßen Roboter, den er selbst entworfen hat

Einer für alle

Gaël Langevin hat einen Roboter erfunden, der sich mit dem 3-D-Drucker bauen lässt: InMoov. Die Pläne dafür gibt es kostenlos im Netz. Im Interview erzählt er von Schwarmintelligenz, seiner Motivation und der Demokratisierung der Technologie

Text: Laslo Seyda | Fotos: LECARPENTIER/ORTOLA/REA/laif, ANDIA/VISUM, John G Mabanglo/EPA/Shutterstock, Milan SZYPURA/HAYTHAM-REA/laif, ddp, REUTERS/SERGEI KARPUKHIN

MACHER: Gaël, 2012 hast Du Deinen Roboter InMoov vorgestellt – eine Weltsensation. Warum hast Du Deine Erkenntnisse, Blaupausen, Anleitungen und Konstruktionsdateien frei zugänglich ins Internet gestellt?

Gaël Langevin: Wir leben in einer Zeit, in der die technologische Entwicklung große Sprünge macht – bei Algorithmen, künstlicher Intelligenz oder Robotern. Was jetzt entwickelt wird, bestimmt maßgeblich unser Leben in der Zukunft. Deshalb finde ich es wichtig und notwendig, dass Menschen verstehen, wie man Roboter konzipiert und baut.

Mit dem InMoov-Patent hättest Du eine Menge Geld machen können …

Wahrscheinlich. Aber Patente sind unflexibel. Endlos viele Formulare mit technischen Beschreibungen und Anwendungsbereichen ausfüllen, die totale Zeitverschwendung an Kreativität. Wie soll ich heute wissen, wozu meine Erfindung in 20 Jahren in der Lage ist? Ein humanoider Roboter sollte theoretisch alles tun, was ein Mensch tun kann. Und es geht mir nicht ums Geld. Ich bin an einem Punkt in meinem Leben, an dem ich etwas ändern will, nicht nur für Geld, sondern fürs Gemeinwohl.

Designer Gaël Langevin: Seit über 25 Jahren beschäftigt sich der Franzose mit Skulpturen und Modellen. Sein Traum: Technologie für jeden zugänglich machen
Gaël Langevins Traum: Technologie für alle
© ANDIA/VISUM

Was ist das Ziel?

Es gibt kein konkretes Ziel. Für mich ist wichtig, dass sich jeder mit Robotik und autonomen Systemen beschäftigen kann – auch ohne Ingenieurstudium und Doktortitel. Kreativität und Erfindergeist können nur durch diese Freiheit entstehen. Derzeit kann der InMoov Hände schütteln, die Arme bewegen, einfache Gespräche führen, sich mit einer VR-Brille vernetzen und darüber auch seinen Kopf steuern lassen und mithilfe von Algorithmen kommunizieren. Durchs Internet bieten sich mehr Möglichkeiten: Neue Ideen und Entwürfe können in Sekundenschnelle weltweit verbreitet und in wenigen Tagen und Wochen weitergedacht werden. Die Menschen bauen, lernen und entdecken zusammen, inspirieren sich gegenseitig. Würden das alle machen, wäre das die Demokratisierung der Technologie!

Die Menschen bauen, lernen und entdecken zusammen, inspirieren sich gegenseitig"

Gaël Langevin

Wie wichtig ist es, dass sich möglichst viele Erbauer zusammenschließen?

Sehr wichtig. Die Masse ist einfach klüger als der Einzelne. Diejenigen, die den InMoov als persönliches Projekt bauen, teilen mehr Informationen und Wissen mit der Community. Es ist bemerkenswert, dass man als Individuum Teil einer Gruppe sein will und deswegen sein Wissen teilt. In Kommentarspalten auf YouTube tauschen unsere User Code-Skripts für Bewegungsmuster aus, helfen bei der Behebung von Bugs im Betriebssystem oder diskutieren über Vor- und Nachteile von Sprach- oder Handsteuerung. Und in den Foren auf unserer Website präsentieren sie ihre eigenen Variationen des InMoov.

Inwiefern sind die anders?

Die haben verschiedene Farben, Räder statt Füße oder „Star Wars“-Helme mit eingebauten Mikrofonen und Lautsprechern statt des regulären Kopfes. Viele dieser Macher haben das ohne Vorkenntnisse hinbekommen: aus eigenem Antrieb oder mithilfe der Community. Das ist fantastisch.

Dein Roboter ist schon weit gekommen: von Frankreich über Kanada, Brasilien und Neuseeland, sogar bis nach Nigeria und Pakistan. Wie viele Mitglieder hat die InMoov-Community?

Zurzeit sollte es über 1500 Klone meines Prototyps geben. Die Schätzung basiert auf der Anzahl der „Nervo Board“-Mikrocontroller, die man zur Steuerung der vielen Servomotoren benötigt und die man auf meiner Website für rund 50 Euro bekommt. Man kann die Software dafür auch selbst programmieren. Sie heißt „MyRobotLab“, ist kostenlos und Open Source.

Ist es nicht wahnsinnig teuer, so einen Roboter zu bauen?

Mit Gesamtkosten von rund 2000 Euro ist der InMoov vergleichsweise günstig, bis zu 100-mal günstiger als andere Roboter-Projekte. Der Grund: Für die Teile braucht man bloß einen 3-D-Drucker von zwölf mal zwölf mal zwölf Zentimeter Größe. Gute Geräte gibt’s da schon für 1500 Euro. Einziger Nachteil: Mit nur einem Drucker dauert es rund anderthalb Monate, um alles zu produzieren. Man braucht also Geduld.

Die Designs und die Erkenntnisse, die die InMoov-Community mit ihren Projekten erreicht, haben in der Forschung einiges bewegt. Welche Entwicklung findest Du besonders spannend?

Es ist sehr aufregend zu sehen, was alles möglich ist. Als ich meine ersten Entwürfe ins Internet stellte, interessierte sich in der Medizin noch keiner für Handprothesen, die aus dem 3-D-Drucker kommen. Heute arbeiten Neurowissenschaftler bereits daran, Gehirnströme eines menschlichen Probanden an die Hand von InMoov weiterzuleiten. Andere bringen ihm Zeichensprache bei, um so mit Gehörlosen zu kommunizieren. Einige Psychologen wollen auf Grundlage unserer Arbeit die Interaktion zwischen Mensch und Roboter untersuchen. Das ist beeindruckend. Und im berühmten Pariser Kulturzentrum Centre Pompidou gab es sogar ein Theaterstück, in dem der InMoov schauspielerte. Das Stück handelte von einer künstlichen Intelligenz, die mit Menschen auf eine spirituelle und intellektuelle Weise kommuniziert. Auf manche Zuschauer wirkte das vielleicht verstörend, aber ich finde das spannend.

Warum?

Mit zunehmender Einbindung von Robotern in den Alltag überwinden wir ja nicht nur körperliche Grenzen. Wir werden auch mit völlig neuen Fragen konfrontiert – intellektuell und spirituell: Sollte man Maschinen Emotionen einpflanzen, um sie nahbarer zu machen? Brauchen wir Rechte für Roboter? Und was macht das Erschaffen einer „Lebensform“ aus uns Menschen?

Sollten wir uns Sorgen machen wegen wachsender Fähigkeiten der Roboter?

Der Einfluss von Robotern auf unser Leben hängt ab von ihrer Intelligenz. Derzeit werden die meisten Algorithmen und künstlichen Intelligenzen von großen Unternehmen entwickelt. Meist stecken kommerzielle Interessen dahinter, und es gibt keinerlei Regeln und Grenzen. Ich sage nicht, dass die Menschheit irgendwann von Maschinen unterjocht wird wie in den „Terminator“-Filmen. Aber wir dürfen die Entwicklung nicht nur Großkonzernen überlassen. Mein Traum: Technologie sollte für jeden verständlich und zugänglich sein. Künstliche Intelligenz muss Open Source und für jeden zugänglich sein. Wenn etwas schiefgeht, können alle gemeinsam versuchen, Lösungen zu finden. Aus diesem Grund teile ich mein Wissen über InMoov. Ich bin optimistisch, dass wir die Idee vom Gemeinschaftsprojekt künftig noch besser umsetzen können.

I, Robot

Wer selber einen eigenen Roboter bauen will, findet hier alle wichtigen Infos und Anleitungen.

4 Kommentare

  • Dirk Schulz
    Wir haben einen InMoov Arm an einer Schule gebaut!
    • Redaktion
      Respekt! Hat alles geklappt?
  • Dirk Schulz
    Wir waren damit bei Jugend forscht! Im Landeswettbewerb. Also ja! 😎
    • Redaktion
      Wow, wenn das mal kein guter Grund ist, sich richtig stolz zu fühlen!

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