Thilo Mischke sägt an einer 150 Jährigem Kiefer;

Wir machen das mal: Einen Baum fällen

Wie ist das? Mit Fallwinkel, Fallkerb, Fällschnitt? Unser Autor Thilo Mischke im harzigen Selbstversuch. Er rückt einer 150jährigen Kiefer zu Leibe, die zur Fällung freigegeben ist

Text: Thilo Mischke / Fotos: Meiko Herrmann

Ich habe Harz an den Händen. Sie kleben, riechen, als wäre ich in ein Erkältungsbad gestiegen. Schweiß rinnt von der Stirn in meine Augen. Vor mir liegt eine gefällte Kiefer, und bis heute dachte ich: Einen Baum zu fällen, das ist eine eher mittelmäßig schwere Tätigkeit. Aber ich lag falsch. Vollkommen falsch. Denn bevor der Baum fiel, musste ich einen schweren Weg gehen. Ich, der zwar mit den Händen arbeitet, aber im Büro, nicht im Wald.

Zuerst musste ich lernen, einen Baum, nun ja, zu töten, denn wer nicht weiß, wie das geht, wird schnell selbst getötet. Niemals einen Baum einfach so ansägen, lerne ich vom Förster, der mich begleitet und mir sagt, welcher Kiefer ich wie auf die Pelle rücken darf. Das Fällen eines Baumes ist eine komplexe Aufgabe. Es bedeutet, die Umgebung des Baumes zu verinnerlichen und den Wald, wo er 150 Jahre lang stand, tatsächlich wahrzunehmen.

Schritt 1

Die Sonne brennt, der Baum ist so hoch, dass es mir schwerfällt, ihn in seiner Gänze zu erkennen. Ich betrachte seine Lage und bestimme seine Fallrichtung, seinen letzten Gang. Ich entscheide mich für eine Lichtung, um seine jungen Baum-Geschwister, die, durstig nach Sonnenlicht, um diesen Baum herumstehen, nicht zu verletzen.

Thilo Mischke schaut an der 150 Jährigen Kiefer hoch;

Schritt 2

Nun richte ich mir meinen Arbeitsplatz ein, auf Moos lege ich Keile, Kettensäge und Hammer ab.

Eine Kettensäge von Stihl und ein Helm liegen auf dem Moos im Wald;
Keile und ein Hammer liegen auf dem Moos im Wald;

Schritt 3

Ich bereite ihm, dem Baum, ein weiches Bett, damit er fallen kann, auf Moos. Und ich räume mir einen Fluchtweg ein, zwei mal drei Meter, entgegen der Fallrichtung. Denn Wind, dummes Sägen und Fehler lassen Bäume unberechenbar stürzen. Und ich bin kein erfahrenerer Förster. Ich bin einfach nur ein Mann mit einer Kettensäge. Es wird still im Wald, das spüre ich, als ich sie mit einem kräftigen Ruck starte.

Thilo Mischke sägt an einer 150 Jährigem Kiefer;
Thilo Mischke schlägt mehrere Eisennägel mit einem Hammer in die Kiefer;

Schritt 4

Den Fallkerb schneiden, auf der Seite, zu der die Kiefer fallen soll, kurz über dem – und im 45-Grad-Winkel zum – Waldboden. Zarte Aufregung steigt in mir auf. Dann setze ich die Säge an und dringe ein in den Stamm. Das Harz, die Späne, der Lärm der Säge, betörend für die Sinne.

Thilo Mischke steht in Arbeitskleidung im Wald und ruft etwas;
Die 150 Jährige Kiefer wurde von Thilo Mischke gesägt und fällt zu Boden;

Schritt 5

Ich stelle mich hinter den Baum, ein letztes Mal betrachte ich ihn, blicke in seine mächtige Krone, hoffe, kein Nest befindet sich dort. Ich lege die Hände an den Mund: „Baum fällt!“ Dann säge ich den Fällschnitt, Schritt fünf. Drei Eisenkeile hämmere ich hinein, bevor ich das martialische Brummen höre. Aus dem Herzen des Baumes direkt in den Wald. Der Baum kippt, schwebt durch die Luft, segelt langsamer als erwartet zu Boden. Es wirkt nicht wie das Sterben einer Pflanze, eher, als würde sich der Baum nach 150 Jahren endlich mal hinlegen können.

Als ich mein Bein auf den Stumpf der fast 30 Meter langen Kiefer stelle, fühle ich mich, als hätte ich einen Löwen erlegt – allerdings ohne die angebrachte Scham. Ich bin stolz. Aus meinem Baum werden Träume gebaut, er stirbt nicht einfach so. Aus ihm werden Baumhäuser, Wärme, Leitern, Fenster. Menschen werden über sein verarbeitetes Holz streichen, das Harz riechen und sich an den Wald erinnert fühlen. Er stirbt nicht sinnlos, mein Freund, der Baum.

Thilo Mischke hat die 150 Jährige Kiefer gefällt;
Thilo Mischke hat die 150 Jährige Kiefer gefällt und steht nun daneben mit seiner Kettensäge von Stihl;

1 Kommentar

  • Luise
    Jetzt ist die richtige Zeit zur Baumfällung und ich finde die einzelnen Schritte sehr anschaulich erklärt. Es macht einem bewusst, dass man viel Verantwortung hat und der Natur mit Respekt begegnen sollte. Am kommenden Wochenende werde ich mit meinem Vater in einen nahen Wald gehen, um Holz für unseren Kamin selbst zu produzieren.

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