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Der Senkrechtstarter

Richard Browning wollte fliegen. Statt sich ins Flugzeug zu setzen, konstruiert er einen Anzug mit Schubdüsen. Wir sprechen mit ihm über seinen Antrieb, blaue Flecken und Kompromisse

Interview: Laslo Seyda | Fotos: Gravity Industries

Der Mann, der Iron Man den Rang abläuft, trägt einen schwarzen Panzer mit Brustplatten und Schulterpolstern, dazu schwere Stiefel, einen klobigen Rucksack und einen Helm, dessen Visier er tief ins Gesicht gezogen hat. Als er das Signal gibt, schießen große gelbe Flammen aus den beiden Silberrohren, die er sich an die Unterarme geschnallt hat. Er richtet die Arme nach unten – und beginnt zu schweben. Erst langsam, ein paar Zentimeter nur, dann höher. Er hüpft, als hinge er an einem unsichtbaren Bungee-Seil, spreizt die Arme, lehnt sich nach vorne und gleitet über den aufgeplatzten Teerboden. Wirbelt herum, verliert das Gleichgewicht, fällt zu Boden – steht wieder auf und fliegt weiter. Sein Name: Richard Browning. Sein Ziel: jede Bodenhaftung zu verlieren.

MACHER: Richard, der Traum vom Fliegen ist so alt wie die Menschheit. Woher kam dein Antrieb, ihn dir zu erfüllen?

Richard Browning: Ich wollte wissen, wie sich die Bewegung in drei Dimensionen anfühlt. In meiner Vorstellung ist es die totale Freiheit. Leider haben die meisten Erwachsenen diese Art zu träumen verlernt. Dabei gibt es nichts Erfüllenderes, als sich gegen Konventionen aufzulehnen und zu beweisen, dass nichts unmöglich ist.

Erinnerst du dich noch an den ersten erfolgreichen Testflug?

Ja, klar. Ich schwebte für ungefähr sechs Sekunden einen halben Meter über dem Boden. Es war der Moment, in dem mein Team und ich ohne Zweifel wussten, dass es wirklich funktioniert. Und das nach gerade einmal vier Monaten Arbeit. Einfach unglaublich.

Du hast deinen Anzug „Daedalus“ genannt. Warum?

Mein achtjähriger Sohn Thomas interessiert sich sehr für die Geschichten und Helden der griechischen Mythologie, er kam auf die Idee. Daedalus war nicht nur ein Erfinder und guter Handwerker, sondern auch der Vater von Ikarus. Nach der Sage stieg Ikarus mit den selbstgebauten Flügeln des Vaters zum Himmel empor, kam vor lauter Hochmut der Sonne zu nah und stürzte dann zu Tode. Der Name soll mich daran erinnern, immer einen kühlen Kopf zu bewahren und nicht übermütig zu werden.

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Körperkraft und Eigengewicht richtig einsetzen: ein ganz schöner Kraftakt

So ganz ausgereift ist der Fluganzug noch nicht. Woran hapert’s noch?

Wir haben bereits einige Tests absolviert, in denen ich zehn Minuten am Stück fliegen konnte. Das ist schon ein wahnsinniger Sprung. Es gibt aber noch ein halbes Dutzend Komponenten, die wir weiterentwickeln müssen. Die größte technische Herausforderung ist der Übergang vom vertikalen Start in den horizontalen Flug. Dabei bin ich schon mehr als nur einmal auf die Nase gefallen.

Sieht nach einem ganz schönen Kraftakt aus, den Anzug zu steuern …

Um so fliegen zu können, wie ich es mache, muss man hart trainieren. Dafür laufe ich Ultra-Marathons, halte mich an ein rigoroses Calisthenics-Workout und radele jede Woche Hunderte Kilometer. Wir arbeiten aber ständig daran, das Verhältnis zwischen der Körperkraft und dem Eigengewicht des Piloten zu verbessern. Wenn uns das gelungen ist, wird es leichter sein.

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Soll das so? Jawohl. Das soll so – alles im grünen Bereich

Wie findest du deinen Spitznamen „Real-Life Iron Man“?

Ist doch schmeichelhaft. Die Figur ist schließlich sehr beliebt. Manches von dem, was den Iron-Man-Anzug so faszinierend macht, haben wir in die Wirklichkeit übertragen. Und es war beruhigend, zu sehen, dass sich Comic-Held Tony Stark beim Testen des Iron-Man-Anzugs genauso viele blaue Flecken geholt hat wie ich.

Du hast zwei Kinder. Müsstest du denen kein besseres Vorbild sein?

Warum? Sie wachsen mit dem Wissen auf, dass sie alles erreichen können, was sie wollen. Sie werden nie vor einer ungewöhnlichen Idee zurückschrecken und stets die Welt erforschen wollen. Ich bin stolz darauf, sie dazu zu ermutigen.

Fallschirm Fehlanzeige, aber eine Mini-Turbine auf dem Rücken. Keine Angst, dass da mal was daneben geht?

Nicht wirklich. Als Brennstoff verwenden wir kein Benzin, sondern Paraffin oder Diesel. Die sind weniger entzündlich und bilden keine heißen Dampfwolken. Und trotz der 1000 PS, mit denen ich rein theoretisch fast jede Höhe und Geschwindigkeit erreichen könnte, fliege ich bislang relativ niedrig und langsam – man denke an Daedalus. Wenn man verantwortungsvoll mit dem Fluganzug umgeht, ist er kaum gefährlicher als ein Motorrad.

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Richard fliegt, die Menge staunt

Wo willst du hin mit „Daedalus“?

Mein Vater war auch Erfinder. Er hat sich aber immer geweigert, aus einer guten Idee ein Geschäft zu machen, auch wenn ihm das genutzt hätte. Aus seinen Erfindungen ist deshalb nie mehr geworden. Das hat ihn kaputt gemacht. Als ich 15 war, hat er sich das Leben genommen. Ich versuche deshalb, mehr Kompromisse einzugehen: Durch den großen Hype, den „Daedalus“ im Internet ausgelöst hat, haben wir genug Geld gesammelt und das Start-up „Gravity“ gegründet. So hatten und haben wir die Mittel, den Anzug zu perfektionieren. Zurzeit arbeiten wir mit Organisationen zusammen, die den Anzug für Rettungseinsätze und Suchaktionen verwenden wollen. Besser kann es doch nicht laufen. Und Spaß haben wir allemal.

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