Barnaby Dixon in seinem Zimmer mit einer Fingerpuppe in der Hand;

Der lässt die Puppen tanzen

Barnaby Dixon baut Fingerpuppen. Aus Metall, Thermoplast und Silikon. Seine YouTube-Videos, in denen seine feingliedrigen, gelenkigen Figuren die Hauptdarsteller sind, haben inzwischen Hunderttausende Fans. Im Interview verrät er, wie es zu all dem kam und was hinter den irren Mini-Konstruktionen steckt

Text: Reinhard Keck | Fotos: Laura Huhta

MACHER: Deine Puppen wirken etwas gruselig. Meine kleine Tochter würde ich damit nicht spielen lassen …

Barnaby Dixon: Ach, die sehen doch nur so aus. Schau mal, was passiert, wenn ich sie bewege: Manu, der Indianer, ist ein ziemlich guter Tänzer. Mein Dinosaurier kann es in Sachen Motorik und Schnelligkeit locker mit dem T-Rex aus „Jurassic Park“ aufnehmen. Und wenn sich Dabchick, die Henne, unterm Flügel kratzt, finden die Zuschauer das erfahrungsgemäß sehr lustig – Erwachsene genauso wie Kinder.

Was bist Du? Puppenspieler, Geschichtenerzähler, Erfinder?

Ich bin von allem etwas. Es beginnt mit dem Bauen: Ich entwerfe die Puppen, füge sie zusammen. In jeder stecken Hunderte Teile und genauso viele Stunden Arbeit. Ich brauche mindestens zwei Monate für eine Puppe. Ich schweiße das Metall, forme aus Thermoplast die Einzelteile, feile an den Details: Für die Augen des Dinosauriers zum Beispiel habe ich den Kopf einer Kupferschraube abgesägt und sie in eine Mutter gelötet – echte Präzisionsarbeit und Fingerspitzengefühl.

Das Fingerspitzengefühl ist auch nötig, um die Puppen zum Leben zu erwecken …

Genau. Die Bewegungen der Figuren steuere ich allein mit meinen Händen und den einzelnen Fingern – über winzige Fäden und Metallgelenke, die in ihren Körpern stecken. Der Schnabel von Dabchick lässt sich mit einem Silikonschlauch bewegen, der an einen Hebel angeschlossen ist. In den Schlauch habe ich eine winzige Metallfeder eingesetzt, damit die Bewegungen besonders geschmeidig sind. Denselben Mechanismus verwende ich auch bei den Händen von Manu, dem Indianer. Man muss lange grübeln und ausprobieren, um sowas herauszufinden. Ich entwerfe alles selbst, die Puppen sind Unikate, es gibt keine Bauanleitung, keine Vorlage. Es reizt mich sehr, mich in eine komplizierte Technik reinzufuchsen, von der ich zunächst wenig weiß.

 

Wie kommst Du auf die Ideen für Deine Figuren?

Das hat oft praktische Gründe. Meine Puppen bestehen ja aus zwei Komponenten: Ober- und Unterkörper, die ich mit jeweils einer Hand steuere. Ich dachte: „Welches Lebewesen bewegt sich nur oben und unten?“ So kam ich auf das Huhn: Das hat oben einen sehr beweglichen Kopf und unten flinke Beine. Und genauso bewegt sich ja auch der Dinosaurier. Weil das Faszinierende an den Puppen die Bewegung ist, lag es nahe, eine Figur tanzen zu lassen: So kam ich auf Stammestänze und auf einen Indianer. Momentan arbeite ich an Puppen, die Elektronikteile haben und Federantriebe.

 

Technik allein ist aber nicht alles …

Das stimmt. Sie müssen einen Charakter entwickeln. Darum geht es in den YouTube-Filmen, in denen die Puppen auftreten. Dabchick, die Henne, ist zum Beispiel total verpeilt und eitel, aber liebenswert. Ich lasse sie mit mir den Alltag erleben und filme dabei mit dem Handy: ein Ausflug ans Meer, eine Zugfahrt, ein Besuch bei dem Baby meines Cousins. Danach schneide ich am Computer die Filmschnipsel zusammen und spreche einen Text dazu ein. So bekommt die Figur eine Stimme und eine Persönlichkeit. Dabchick hat Hunderttausende Fans in aller Welt. Ihr populärstes Abenteuer wurde fast eine halbe Million Mal angeschaut.

 

Worum ging es darin?

Ähm, um eine Drogenerfahrung. Und um meine Katze, die ins Gebüsch macht.

 

Wie bitte?

Ich ließ Dabchick die Pilze picken, die in meinem Garten wachsen. Dann erschien beim Filmen plötzlich meine Katze und machte ins Gebüsch. Ein kurioser Zufall, den ich natürlich im Video verarbeite. Dabchick schaut ihr also zu und beginnt zu halluzinieren – so wird Unvorhersehbares ein Teil der Story.

Wie bist Du zum Puppenbauer und -spieler geworden?

Ich liebe es einfach, mit den Händen etwas herzustellen. Schon als Kind habe ich gern mein eigenes Spielzeug gebaut, aus Knöpfen kleine Ritterfiguren, solche Sachen. Später habe ich dann Animationsdesign studiert und in der Werbung gearbeitet. Für einen TV-Spot habe ich mal riesige Cornflakes aus Kunststoff gebaut, die waren beweglich und sollten eine Cornflakes-Olympiade veranstalten, also Gymnastik machen können, Hürdenlauf, solche Dinge.

Da hatte ich meine Leidenschaft entdeckt. Und mir das Ziel gesetzt, meine Kreativität frei zu entfalten. Ich hatte mich zweimal beim Royal College of Art beworben und war zwei Mal abgelehnt worden. Vielleicht war es besser, weil ich handwerklich dort wohl nicht so viel Neues dazugelernt hätte. Und nach den Absagen war ich umso entschlossener, es auf eigene Faust zu probieren. Hat funktioniert.

 

Wie kam es zu den Videos?

Ich dachte, YouTube sei der perfekte Ort, um der Welt zu zeigen, was ich draufhabe. Es gab schon spezielle Foren für Animationsdesigner und Puppenspieler. Video-Bloggen fand ich cool. Vor gerade mal zwei Jahren habe ich damit angefangen. Viele Zuschauer schreiben mir außerdem, dass sie neben meinen Puppen auch meine Stimme toll finden – da habe ich natürlich Glück. Heute bekomme ich Hunderte, manchmal Tausende Nachrichten über YouTube, Facebook oder Twitter. Früher habe ich allen Fans geantwortet, heute schaffe ich das leider nicht mehr.

Du hast das Puppenspielen zum Beruf gemacht. Kannst Du davon leben?

Ja, inzwischen geht das, vor allem durch den Online-Erfolg. Und generell dank der Medienaufmerksamkeit. Vergangenes Jahr habe ich bei euch in Deutschland in der RTL-Sendung „Puppenstars“ sogar 50.000 Euro gewonnen.

Hast Du Dir mal überlegt, Deine Puppen in Serie zu produzieren und zu verkaufen?

Ja, das habe ich versucht, zumal ich Tausende Euro für die Patentierung ausgegeben habe. Also habe ich Hersteller angesprochen, ich konnte aber keinen überzeugen. Sie meinten, die Leute wollen keine Puppen, die sie während des Spielens nicht anschauen können. Der eigentliche Grund für die Absage war aber ein anderer. Sie sagten: „Barnaby, Deine Figuren sind leider sehr kompliziert nachzubauen.“

Bitte folgen

Barnaby Dixon hat auf YouTube (barnabydixon) knapp 250.000 Abonnenten, die seinem Puppenspiel folgen. Seit seinem Start auf YouTube Ende Oktober 2011 wurden seine Videos bereits mehr als 18,6 Millionen Mal aufgerufen.

Weitere Infos auf Facebook.

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