Das Gabriadze-Theater

Mit 15 Bauherr, mit 45 Besitzer eines selbst gebauten Theaters, mit 82 ein Mann, der stolz auf sein künstlerisches und bauliches Gesamtwerk sein kann: Rezo Gabriadze ist einer der berühmtesten Marionettenspieler Georgiens. Nicht nur wegen seiner Fähigkeit, mit seinen Puppen Geschichten zu erzählen

Text: Esther Acason | Aufmacher: ©delobol – stock.adobe.com

Geld für Baumaterial und Werkzeuge? Fehlanzeige. Bauerfahrung? Im Leben nicht. Doch das hielt Rezo Gabriadze nicht davon ab, im Alter von nur 15 Jahren den Entschluss zu fassen, seinen selbst gebauten Marionetten ein Zuhause zu geben. Und mit dem Bau eines Theaters zu beginnen. Das war 1951.

Der georgische Marionettenspieler durchstöberte verlassene und von einem Erdbeben zerstörte Gebäude in Tiflis und sammelte alles, was ihm in die Hände fiel. So kam einiges zusammen, und Rezo setzte seine Vision eines eigenen Theaters auf einem Grundstück mitten in der Altstadt von Tiflis in die Realität um.
Helle Ziegel auf der einen Seite des Dachs, dunkle auf der anderen: Es war eines seiner Talente, das Sammelsurium an Bauteilen zu einem neuen großen Ganzen zusammenzusetzen. Stimmig und trotzdem eigenwillig.
Der Bau ging extrem langsam voran, doch das störte Rezo nicht. Ganz im Gegenteil: So blieb Zeit, sich nebenher einen Namen als Drehbuchautor und Filmregisseur zu machen.

Das Gabriadze-Theater fügt sich perfekt in das Straßenbild von Georgiens Hauptstadt Tiflis ein und ist doch ganz anders, vor allem durch seinen skurrillen Turm
Passt in die Altstadt Tiflis und ist doch anders: Das Gabriadze-Theater
© mauritius images

Doch Rezos Herz schlug immer für seine Marionetten: Nur sie gaben ihm die Möglichkeit, seine Geschichten so zu erzählen, wie er sich das vorstellte – ohne unter die Zensur der autoritären sowjetischen Regierung zu fallen.

1981 – 30 Jahre nach Baubeginn – war es endlich so weit: Das Gabriadze-Theater wurde eröffnet, mit 80 Sitzplätzen recht überschaubar, doch genügend Platz, um Rezos Marionetten und seinen zunächst regional, nach dem Fall der Sowjetunion auch international gefeierten Stücken eine Bühne zu geben.

2006 bekam das Theatergebäude von Rezo eine Erweiterung: einen Turm, der sich in das Straßenbild der Altstadt einfügt, aber doch ganz anders ist. Kein klassischer Aufbau mit gerade aufeinandersitzenden Geschossen. Rezos Turm hat etwas von schief gestapelten Bauklötzen. Verziert mit Hunderten byzantinisch anmutenden Kacheln, bemalt von Rezo höchstpersönlich.

Seit der Fertigstellung des Turms 2010 kommen Besucher nicht mehr nur für die Aufführungen: Zweimal am Tag – immer um 12 und 19 Uhr – können sie auf dem kleinen Balkon des Turms den „Kreislauf des Lebens“ beobachten: Junge trifft Mädchen, Hochzeit, Geburt des Kindes, Tod. Und von vorn. Rezos Marionetten spielen, wie das Leben so spielt.

Mehr dazu

Wer mehr über das Marionettentheater in Tiflis erfahren möchte, kann das hier. Wer sich für Theaterkarten interessiert, sollte wissen: Sie sind in der Regel schnell ausverkauft.

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