Erfinder und Auto-Fan Perry Watkins steht vor „Oklahoma Willy“, einem VW-Oldtimer, den er in ein Jetcar mit Flugzeugantrieb umgebaut hat

Benzin im Blut

Abgedrehte Fahrzeuge sind Perrys Markenzeichen. Das flachste Auto, das kleinste Auto, das schnellste Möbelstück der Welt. Selbst einen VW-Oldtimer hat der Erfinder in ein Jetcar mit Flugzeugantrieb umgebaut. Wie er auf seine verrückten Ideen kommt und warum er trotz allem kein Adrenalinjunkie ist, verrät er im Interview

Text: Reinhard Keck | Fotos: Greg Funnell

Über die Straßen der Grafschaft Buckingham in Mittelengland rollen nicht nur Autos, Laster, Busse oder die Traktoren der Schafzüchter. Auch ein Flatmobile (das flachste Auto der Welt), eine rollende Waschmaschine (das kleinste Auto der Welt) und ein Tisch mit Stühlen auf vier Rädern (das schnellste Möbelstück der Welt) sind hier unterwegs. Oder ein VW-Pick-up, Baujahr 1958 namens „Oklahoma Willy“ (einer der größten YouTube-Stars unter den Jetcars), ausgerüstet mit einem Flugzeugantrieb.

Erfinder und Fahrer dieser durchgeknallten Konstruktionen ist Perry Watkins, 58. Hauptberuflich Manager bei einer Firma für Schuh- und Schlüsseldienste, mutiert er nach Feierabend zum verrücktesten Autoschrauber der Welt – und zum Albtraum jeder Kfz-Zulassungsstelle. Wir treffen ihn bei „Flame & Thunder“, einem skurrilen Autorennen in der Nähe von Cambridge. Hier rasen Schrauber, die genauso abgedreht sind wie Perry, mit ihren selbst gebauten Fahrzeugen um die Wette. Mit dabei: „Oklahoma Willy“.

MACHER: Rollende Waschmaschinen, fahrende Tische, ein Flatmobile, ein Oldtimer mit Flugzeugantrieb. Warum?

Perry Watkins: Weil es ein Riesenspaß ist. Und ich liebe die Herausforderung. In diesen Fahrzeugen steckt ungeheuer viel Ingenieursarbeit. Ich liebe es, Lösungen für unerwartete technische Probleme zu finden – man muss hartnäckig sein. Und ich kann dank meines Hobbys schöne Reisen machen: Ich war in den USA bei den NASCAR-Events. Und erst neulich wieder bei Euch in Deutschland, auf dem Hockenheimring. Ich habe auch mal Golf als Hobby versucht. Aber das fand ich schrecklich langweilig.

Der Spass ist, Fahrzeuge so zu bauen, dass sie der Norm entsprechen und dabei maximal von ihr abweichen“

Perry Watkins

Statt im Golfclub zu sitzen, schraubst Du in Deiner Garage an Deinem berühmten Jetcar „Oklahoma Willy“, einem VW-Bulli mit dem Antrieb eines Kampfflugzeugs. Wie kommt man auf so eine irre Idee?

Aus einer Laune heraus, mit Freunden im Pub – wie bei all meinen Projekten. Ich war schon immer von Jetcars fasziniert und wollte mal an einem Flugzeugantrieb arbeiten. Aber der sollte auf ein wunderschönes Fahrzeug, etwas Ikonisches. Das Design des VW-Bulli kennt jeder, für mich gibt’s kein schöneres Fahrzeug. Ich fand im Internet einen sehr seltenen VW Typ 2 Truck, Baujahr 1958. Eine Schrottkarre, die jahrelang nur Heu über einen Bauernhof in Oklahoma geschleppt hat. Ich habe sie aus den USA importiert und erst mal gründlich saniert: ausbeulen, abschmirgeln, lackieren, neue Fenster rein, neue Reifen sowieso – das volle Programm. Ich hab viel Arbeit reingesteckt, und der Wagen ist wunderschön geworden. Da bin ich ziemlich stolz drauf.

Für Deine Fans auf YouTube ist das Schönste, wenn Du den Jetantrieb auf der Ladefläche zündest. Wo bekommt man so ein Ding überhaupt her?

Da gibt es bei uns in England einen Fachhändler für aussortierte Flugzeugteile. Der Motor ist ein Rolls-Royce Viper Turbojet-Triebwerk mit 4850 PS. Mit dem flog in den 70er-Jahren mal ein BAC Strikemaster-Kampfflugzeug der Luftwaffe von Oman.

Wenn Du einen Jetmotor und einen Tank mit 200 Liter hochentzündlichem Kerosin im Rücken hast, dann ist das nicht ungefährlich“

Perry Watkins

Was schluckt der?

Mehr als 150 Liter Kerosin pro Minute.

Wow! Tanken wird also teuer.

Ich habe inzwischen einen eigenen Tausend-Liter-Tank neben dem Haus –meine Privattankstelle. Aber es stimmt: Da überlegst Du Dir schon genau, wann Du den Jetantrieb zündest. Ich tue es meistens auf der Rennstrecke. Ich mag meine Nachbarn, und wenn ich das Triebwerk anschmeiße, ist das extrem laut.

Wie schnell bist Du mit dem Wagen?

Theoretisch sind 482 Stundenkilometer drin. Erst neulich habe ich auf einer Rennstrecke 230 Stundenkilometer geschafft. Das war aber kein Spaß.

Wie meinst Du das?

Ich liebe es, an dem Wagen herumzuschrauben – aber ich bin kein Adrenalinjunkie. Das Ding zu fahren ist die Hölle. Vor dem Start schwitze ich und bin irre aufgeregt. Wenn Du einen Jetmotor und 200 Liter hochentzündliches Kerosin im Rücken hast, ist das nicht ungefährlich. Außerdem ist der Bulli so aerodynamisch wie ein Ziegelstein. Wenn was schiefgeht, geht es schnell und gründlich schief. Zum Glück ist noch nie etwas passiert. Meine Frau ist sicher noch aufgeregter, wenn sie zuschaut. Aber ich sage ihr immer: „Angie, man lebt nur einmal.“

Es gibt nichts Schöneres, als das Büro zu verlassen und in der Werkstatt zu arbeiten. Nichts entspannt mich mehr“

Perry Watkins

Du bist Büroarbeiter, kein Mechaniker oder Jetpilot. Woher hast Du das Know-how über Flugzeugtechnik?

Durch Versuch und Irrtum. Ich habe mir alles selbst beigebracht. Ich war schon immer leidenschaftlicher Mechaniker. Aber fünf Jahre lang an einem Jetmotor zu schrauben, das war wie eine Doktorarbeit in Ingenieurwissenschaften. Gerade versuche ich, den Motor so einzustellen, dass er den Treibstoff effektiver verbraucht. Und weil ich Kerosin sparen muss, kann ich nicht dauernd Tests machen. Flugzeugtechniker können für die Entwicklung Millionen ausgeben, ich habe nur meine Garage und mein Erspartes. Doch es gibt nichts Schöneres, als das Büro zu verlassen und in der Werkstatt zu arbeiten. Nichts entspannt mich mehr. Nur Sonntage sind Familientage, da fasse ich keine Zange und kein Schweißgerät an.

Und wo sind Deine Fahrzeuge inzwischen unterwegs?

Meine anderen Konstruktionen habe ich über ein Auktionshaus verkauft. Keine Ahnung, wo mein Flatmobile jetzt fährt. Der Käufer kam aus Deutschland, das ist alles, was ich weiß.

Der deutsche TÜV wird begeistert sein. Hier in England sind alle Deine Fahrzeuge für den Straßenverkehr zugelassen. Hattest Du nie Ärger mit der Polizei?

Die kennen mich inzwischen. Der Spaß ist, Fahrzeuge so zu bauen, dass sie der Norm entsprechen und dabei maximal von ihr abweichen. Einmal wurde ich mit meiner ersten Konstruktion angehalten: Ich habe einen Dalek nachgebaut, das ist ein kriegerischer Außerirdischer aus der Science-Fiction-Kultserie „Doctor Who“. Da wurde ich von einem Polizisten angehalten, gerade auf dem Weg zur Zulassung. Während er per Funk mit der Zentrale sprach, haben sich Passanten versammelt, Fotos gemacht und ihm gesagt: „Lass ihn doch in Ruhe, sei kein Tyrann!“ Das hat er dann auch getan. Das ist 15 Jahre her, seitdem gab’s nie wieder ein Problem. Neulich habe ich die Tochter meines Nachbarn im „Oklahoma Willy“ zum Abschlussball der Schule gefahren. Das war natürlich auch ein Hingucker. In diesen Momenten weiß man, wofür man die vielen Stunden in der Werkstatt geschraubt hat.

Was ist Dein Traumprojekt?

Ganz ehrlich: Der „Oklahoma Willy“ ist mein letztes Projekt. Danach kommt nichts mehr. Ich werde ja auch nicht jünger.

Dein Ernst? Wenn Du nicht mehr in Deiner Garage arbeitest oder mit „Oklahoma Willy“ durch die Welt düst – was willst Du dann mit Deiner Freizeit anstellen?

Weiß ich noch nicht. Vielleicht probiere ich es doch noch mal mit Golf. Meiner Frau wäre das sicher ganz recht.

Mehr dazu

Wer mehr über Perry und seinen Bulli erfahren möchte, kann das hier tun.

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