Allein unter Robotern

Einmal in der Haut von Iron Man stecken: für James Bruton ist es nicht bloß ein Traum, sondern Wirklichkeit. Aber auch viel Arbeit. Der Brite baut die Ganzkörperverpanzerung des Science-Fiction-Helden nach, den „Exo Suit“ – gerade bringt er die Beine zum Laufen

Text: Reinhard Keck | Fotos: Laura Huhta

James ist nervös, er hat nur noch wenige Stunden Zeit. Es ist Montagabend. Morgen früh, kurz vor sieben Uhr, soll ein neues Video online gehen, wie jeden Dienstag. Zehntausende Fans warten bereits sehnsüchtig auf den nächsten Clip. Sie wollen wissen: „Hat James das Problem mit den Drucksensoren geknackt? Können die Beine des Iron Man nun endlich gehen?“

James Bruton, ein Schlaks mit Brille, 41 Jahre alt. Er wirkt wie ein großer Junge, der niemals erwachsen wird. Das passt zu dem, was er macht: James baut Roboter und Maschinen aus Science-Fiction-Filmen nach.

Seit fünf Jahren veröffentlicht der Engländer jede Woche eine neue Episode seiner mehrteiligen Heimwerker-Dokus. Die Fans seiner „XRobots“-Folgen sehen, wie sich seine Arbeiten entwickeln, mit welchen Problemen er zu kämpfen hat, wie er sie löst. Das fasziniert mehr als eine halbe Million Menschen: So viele Abonnenten hat sein YouTube-Kanal „James Bruton“.

James steht in seiner Werkstatt im Dachgeschoss eines Reihenhauses in Winchester in Südengland. Er betrachtet unruhig seine neueste Hightech-Konstruktion: die Rüstung des Superhelden Iron Man, „Exo Suit“ genannt, sein aktuelles Projekt.

Schon 21 Episoden hat der Erfinder über den Bau der motorisierten, mit Drucksensoren, Schaltkreisen und Computerchips ausgestatteten Iron-Man-Rüstung gefilmt. Und es werden noch einige dazukommen.

Ein paar Trippelschritte – ein großer Erfolg

In Folge 22 will er nun die Bein-Konstruktion vorführen. Das Problem: Die Bewegungen der Robotergliedmaßen sind nicht wirklich synchron mit den menschlichen Bewegungen. Die Drucksensoren arbeiten nicht präzise. Aber was soll’s: Er probiert es einfach vor der Kamera aus. Manchmal klappt es dann am besten.

Oft arbeite ich Nächte durch, um den Fans pünktlich die nächste Entwicklungsstufe zeigen zu können"

James Bruton

James tritt vor das Objektiv. „Hello“, ruft er in seinem typischen, leicht übertrieben wirkenden Moderationston in die Kamera. Er erklärt, was bisher gebaut wurde, und steigt in die Beinkonstruktion des „Exo Suit“, die er vor einer Leinwand postiert hat.

Er macht ein paar Schritte vor und zurück. Die Elektronik lässt die Apparatur surren und schnaufen. Es sieht aus, als ginge James auf Hightech-Stelzen. Einen Moonwalk kann er mit den Roboterbeinen nicht hinlegen, immerhin aber ein paar Trippelschritte. Und das ist schon mal ein Erfolg. „Gar nicht so übel“, bilanziert James.

Überall fiept, summt und piept es

James’ Projekte sind komplex, sehr komplex. Das macht sie so populär. Und zu einem Fluch: Denn die Fans sind anspruchsvoll geworden. Jede Woche wollen sie nun Spektakuläres präsentiert bekommen.

Der Engländer James Bruton wagt erste Schritte mit der selbst gebauten Rüstung und Ganzkörperpanzerung des Superhelden „Iron Man“, „Exo Suit“
Surren und Schnaufen der Elektronik: James Bruton auf Hightech-Stelzen

„Oft arbeite ich die Nächte durch, um den Fans pünktlich die nächste Entwicklungsstufe eines Projekts zeigen zu können”, sagt er. Was James macht, ist gehobene Ingenieurskunst, seine Schöpfungen sind Unikate. Er entwirft alles selbst am Computer, es gibt keine Vorlagen oder Baupläne. Er beginnt immer bei Null. Zwar kauft James Mikrochips mit Open-Source-Technologie online. Doch die meisten Bauteile stellt er selbst her – unten, neben dem Badezimmer im zweiten Stock.

In dem kleinen Raum fiept, summt und piept es. Es klingt, als seien sämtliche R2D2-Droiden aus einer fernen Galaxie angereist, um sich zum Kaffeeklatsch bei James zu treffen. Tatsächlich sind es die Klänge von elf 3-D-Druckern, die passgenaue Bauteile aus Kunststoff formen: Scheiben, Gelenke, Plastikelemente, das Zubehör für James’ Roboter.

Zum Spaß kommt Ehrgeiz

Als James noch in der Kundenberatung einer IT-Firma arbeitete, verbrachte er seine Feierabende mit Bauen, elektrische Geräte waren schon immer sein Hobby. Aus Spaß entwarf er eine Nachbildung des kultigen Müllschluckers „Mr. Fusion“ aus „Zurück in die Zukunft“, machte ein Video davon, stellte es online.

Hunderte schauten zu und waren begeistert. Das kitzelte James’ Ehrgeiz. Immer verrückter und aufwendiger wurden seine Arbeiten: ein Replikat des Monsters aus den „Alien“-Filmen. Ein Nachbau von Bender, dem Roboter aus dem Cartoon „Futurama“. Ein elektrisch betriebenes Lego-Skateboard. Oder die Droiden R2D2 und BB-9 aus „Star Wars“.

Der „James Bruton“-Channel gewann zeitweise 10.000 neue Fans an nur einem Tag. „YouTube hat mir das Leben gerettet“, sagt James, „gäbe es meinen Kanal nicht, ich würde mich zu Tode langweilen.“

Inzwischen kann James vom YouTuben leben. Über die Beteiligung an Anzeigeneinnahmen und über Sponsoren, die durch seine Clips auf ihn aufmerksam wurden. Eine Spielzeugfabrik verpflichtete ihn als Kreativdirektor. Auch offline ist James berühmt: Neulich, bei einem Besuch im Baumarkt in Winchester, baten ihn wildfremde Menschen um Autogramme.

Das ist nicht seine einzige Motivation: Ein Schöpfer sein, tote Materie zum Leben erwecken, Maschinen den menschlichen, den aufrechten Gang lehren – das fasziniert ihn. „Schon als Jugendlicher habe ich davon geträumt, einen Roboter zu bauen, der selbstständig gehen kann“, erzählt James. Mit dem Iron-Man-Kostüm könnte es nun gelingen.

Sicher ist: Jedes Pfund, das James verdient, ist hart erarbeitet. Hunderte Stunden stecken in jedem Roboter. Er verkauft seine Konstruktionen nicht. Sind sie fertig, stellt er sie ins Wohnzimmer, wo sie langsam einstauben. Oder er schlachtet sie aus, für das nächste Bauprojekt.

James Bruton baute seine eigene „Iron Man“-Rüstung, genannt „Exo Suit“ für seine „XRobots“-YouTube-Folgen im Internet
Ziemlich beeindruckend: der „Exo Suit“ des „Iron Man“, Marke Eigenbau

Am nächsten Morgen geht die Folge über die ersten Schritte der Iron-Man-Beine online – pünktlich, ohne dass noch zeitlich aufwendige Verbesserungen nötig gewesen wären. Schnell hat der Clip rund 37.000 Views. Hunderte Fans schreiben Kommentare. Einer lobt: „Du hast einen Riesenschritt gemacht. Das wird total cool werden.“ Ein anderer mosert über die Technik: „Wäre es nicht besser, einen statt zwei Magnetfeldsensoren zu verwenden?“

Auch in der kommenden Woche werden wieder Tausende sehen wollen, wie es weitergeht mit seinem Iron-Man-Kostüm und anderen Hightech-Ideen. Dann will James motorisierte Arme vorstellen. Sieben Tage hat er Zeit. Die Uhr tickt.

Bitte folgen

Wer auch bei den neuesten Entwicklungen der XRobots dabei sein will, kann das auf James Brutons YouTube-Kanal

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