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Ab in den Norden!

Björn Klauer will weg aus Deutschland. Also geht er. In den hohen Norden von Norwegen. Und baut sich dort ein neues Leben – aus Blockhütten und Huskyschlitten

Text: Laslo Seyda | Fotos: Frank Dietz

Wer ihn treffen will, muss in die wohl entlegenste Ecke des Kontinents reisen: ins hohe Norwegen. Über den Polarkreis hinaus, bis zu den Toren der Tundra. Über eine Buckelpiste namens Route 847, durch ein steiles Tal, bis zu einer Öffnung im Hochgebirge. Hier, in Innset, einem kleinen Dorf an den Ufern des kleinen Sees Veslvatnet, lebt Björn Klauer.

Wenn man seinen Hof betritt, knistert die Luft. Horden von Huskys fiepen und kläffen, zerren an den Ketten, wirbeln im Kreis, springen wie toll auf und ab. Klauer, einsneunzig, Stoppelbart, Baumwollhemd, grobe Stiefel, tritt aus einer schiefen Holztür.

„Wir reden später“, sagt er und deutet mit dem Kopf in Richtung Jaulen. Fütterung. Dann stapft Klauer los, durch den Schnee, hinter sich einen kleinen Schlitten mit einem riesigen Bottich voll rohem Fleisch.

Reißaus – die Auswanderung nach Innset

Seit rund 30 Jahren lebt der gebürtige Hamburger, Jahrgang 1956, schon in Innset. Angefangen hat alles mit einem Buch: Mit 16 Jahren liest er „Eine Frau erlebt die Polarnacht“, einen Erlebnisbericht von 1934. Seine Neugier ist geweckt. Das Feuer entfacht. Nachdem er 1984 rund 3500 Kilometer durch das Land gewandert ist, steht sein Entschluss fest: Er will für immer in Norwegen bleiben. Und sein eigenes Gespann mit Huskys haben. Denn Klauer weiß: Ohne den Rüden Kaito, der ihm im Winter den Schlitten mit Rucksack und Zelt zog, wäre er aufgeschmissen gewesen.

Der Deutsche macht ernst: 1987 wandert er nach Norwegen aus. Erst an die Küste, dann ins Landesinnere, nach Innset, wo er seitdem Hundeschlittentouren anbietet.

Klauer und seine Frau Regina zeigen ihr Reich: vorbei am Wohnhaus, dem Backhaus mit dem Steinofen, einem von zwei Gästehäusern mit Futterraum, Ski- und Schlittenlager im Erdgeschoss. Als er den Hof im Herbst 1988 übernimmt, liegt dieser schon viele Jahre verlassen im Tal. „Wenn du nicht gekommen wärst, hätt’ ich ihn angezündet“, sagte der Bauer beim Verkauf zu ihm.

 

Selbst ist der Mann – vor allem im Nichts

Klauer hat Besseres damit vor. Und baut sich sein neues Leben: „Zwei Gebäude haben wir restauriert, den Rest komplett neu hochgezogen.“ Eine Handvoll Kumpels hilft ihm, zu tun ist genug: Fundamente legen, als der Schnee im Frühjahr weggetaut ist; Holzstämme für die Planken der Wände und Stützpfeiler zurechtschneiden; Bodenplatten verlegen. Für das Ständerwerk, die Fenster und die Türen ist ein Profi vor Ort. „Bei dem Klima hier oben rächen sich Schlampereien am Bau. Der Winter beißt sich manchmal ein halbes Jahr fest, mit minus dreißig Grad und Stürmen. Da ist schon so manches Haus im Weiß verschwunden“, erzählt er.

Gerade ist eine neue Hütte dazugekommen, für die Hundetrainer und die anderen Helfer auf der Farm. Um den Dachstuhl und die Zwischenwände kümmerten sich einheimische Zimmerleute, den Rest schusterte er mit Nachbarn, Gästen und Freunden zusammen. 20 Leute haben so manchmal an dem Tisch in Reginas Küche gesessen. Ihre Motivation sei so groß gewesen, dass die Fassade schon Anfang August stand, nach nicht einmal zweieinhalb Monaten, erinnert sich Klauer stolz.

Das Herzstück der Huskyfarm: die Werkstatt. Ein zehn Meter langer Raum, gut halb so breit. Hier entstehen die Hundeschlitten für die Touren. Während moderne Modelle aus Aluminium und Karbon bestehen, fertigt Klauer seine Pulkas noch aus Eschenholz, nach traditionellem Vorbild.

Er schneidet ihr Holz zurecht, biegt die fünf Meter langen Latten unter Wasserdampf zu Kufen und Haltebügeln, webt Böden aus Rattan. Damit die Schlitten flexibel, belastbar und auch unterwegs gut zu reparieren sind, werden die Teile nicht verschraubt, sondern mit Hanf und Manilafaser zusammengebunden.

„Die Schnüre muss man richtig festziehen, die dürfen sich keinen Millimeter bewegen. Schließlich krachen wir mit den Schlitten ständig über Felsen oder schrammen an Bäumen entlang.“ Bis zu drei Tage braucht Klauer für einen Schlitten. Außerdem muss er Nachlaufseile und Zugleinen aus Nylon spleißen, Karabiner an Starterseilen befestigen, Schlittensäcke flicken und verbogene Bremsanker wieder zurechtbiegen. Schweißtreibend.

Wo gezogen wird, da reißen Leinen ...
Klauers geübte Finger spleißen Ersatz

Auch die Hütten der Huskys baut Klauer selbst. Und das heißt was: Über 80 Tiere sind es mittlerweile. Njunis, Smilla, Balto, Ronja,
 Malik, Askia und wie sie alle heißen, brauchen ein Zuhause. Die Zwinger, die zwischen den Blockhütten liegen, entstehen aus Metallstangen, drei Meter hohem Maschendraht und verschweißtem Winkelstahl für die Gatter – dahinter können sich die Hunde aneinander gewöhnen und ihr soziales Gefüge selber ordnen. Die Hundehütten sind mit Rauspund gezimmert, mit Nut und Feder, damit die eisige Luft nicht durch die Ritzen kriecht, und druckimprägniertem Holz für die Böden – damit die Hütten auch lange halten. Durch das kleine Fenster in der Werkstatt kann man die Hütten draußen sehen, in Reih und Glied, 80 an der Zahl.

„Ich liebe meine Arbeit“, sagt Björn Klauer, „mir wird nie langweilig.“ Sägen, biegen, binden, nähen. Tagein, tagaus. Vor allem im Herbst, wenn das Wetter schlecht ist und man nicht auf Touren gehen oder die Hunde trainieren kann. Und jeden Abend, pünktlich um 18 Uhr, geht es raus zum Füttern, keine Sekunde später.

Gemüse züchten bei –30°C? Geht. Dank Klauers Gewächshaus

Zurück? Niemals!

Warum er seine Heimat verlassen hat? „Die Enge der Großstadt, der Lärm, das ist nichts für mich.“ Bei solchen Sätzen fängt er fast an zu knurren. Außerdem mag er die Menschen im Norden:
 „Die großen Distanzen hier, das harte Leben, das macht einen sehr pragmatisch. Die Norweger schwingen keine großen Reden, gehen anderen nicht auf den Geist.“ Ein Paradies für Einsiedler. Dass er und Regina sich größtenteils selbst versorgen, ist für Klauer keine Last, sondern Leidenschaft. Sie ziehen ihr Gemüse selbst, backen ihr eigenes Brot und hacken so viel Holz wie möglich als Vorrat für den Winter. Wasser für Kaffee, Tee und Suppe gewinnen sie aus Regentonnen oder geschmolzenem Schnee. Das Fleisch für die hausgemachte Wurst kommt von den Schweinen einer Farm zwei Täler weiter, den Speck liefern die Samen aus dem Gebirge, erfahrene Rentierjäger.

Himmel, Schnee, Huskygespann: Klauer könnte nicht glücklicher sein

Vermisst er nichts, so fernab der Zivilisation? „Mal wieder essen gehen, das wäre schon schön“, sagt Klauer und schaut zu seiner Frau. Und mal Urlaub machen, Sonne und Strand? „Nee“, winkt er ab. Er ist jetzt über 60, die Arbeit fiele ihm schon schwer. Aber sein Lebenswerk würde er nie verlassen: „Wir haben das Knistern des Feuers, das Pfeifen des Windes, das grüne Flackern der Polarlichter am tiefblauen Himmel und unsere Hunde. Das ist alle Mühen wert. Wir könnten nicht reicher sein.“

Björn Klauers Huskyfarm

Lust auf halbem Weg zum Nordpol bei Björn Klauer vorbeizuschauen?
Alle Infos unter huskyfarm.de.

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