Viele Werkzeuge liegen auf blauem Hintergrund symmetrisch angeordnet;

Ich gönn’ mir ja sonst nix

Sägen, hämmern, schrauben: Werkzeuge sind zum Benutzen da. Sollte man meinen. Bei unserem Autor Tobias Pützer ist das aber irgendwie anders

Text: Tobias Pützer / Fotos: Reinhard Hunger

Neulich im Bad unter dem Waschbecken. Neben einem auf Sardinien verloren geglaubten Flipflop entdecke ich eine Wasserlache. Die Dichtung im Siphon. Der Austausch: kein Problem. Mit einer ordentlichen Rohrzange wäre die Sache aber einfacher, professioneller. Ich also zum Baumarkt. Rohrzange kaufen. Ich lerne, dass die Dinger eigentlich Armaturenzangen heißen, und entscheide mich für ein Modell von Rennsteig, wertig, aus Chrom-Vanadium-Stahl, rot lackiert. Wunderschön!

Daheim ziehe ich mit meiner jüngsten Errungenschaft nochmal alles fest im Bad. Passt. Dann lege ich mein neues Werkzeug in meinen Werkzeugschrank. Dort wird es wahrscheinlich lange liegenbleiben. Denn so eine Siphondichtung hält in der Regel ein paar Jahre. Leider. Ich bin trotzdem glücklich.

Ich freue mich wie ein kleiner Junge

Ich bin kein Handwerker. Auch kein wirklicher Heimwerker. Ich besitze keinen Garten, in dem ich meinen Traum vom Baumhaus verwirklichen könnte, und habe nicht genügend Platz in der Wohnung für einen Hobbyraum. Schaut man sich allerdings meinen Werkzeugschrank an, könnte man meinen, ich sei Schreiner, Metallbauer und Kfz-Mechaniker in Personalunion. Neben meiner neuen Armaturenzange ruht ein grüner Koffer. Darin, fein sortiert: ein Steckschlüsselsatz von Hitachi. Er enthält 113 Teile. Bei einigen weiß ich gar nicht, wofür sie gut sein sollen. Vielleicht hole ich ihn deshalb manchmal hervor, öffne ihn, streiche über die präzise gefrästen Einzelteile und freue mich wie ein kleiner Junge über ein vollständiges Panini-Album.

Ich könnte die Aufzählung meiner Schätze endlos fortführen. Da liegt noch ein Schlagbohrer von Bosch mit dieser tollen gummierten Oberfläche, die ich fast so gerne anfasse wie den Hintern meiner Freundin. Ein Akkuschrauber, eine Metallsäge, alle möglichen Zangen, Maulschlüssel, Hämmer in vielen Größen und Formen, nicht zu vergessen der 23-teilige Schraubenziehersatz, und natürlich mein Leatherman. Ach ja, ne Axt habe ich auch. Sie sieht scharf aus und ist wunderschön. Werkzeugporno.

Gutes Werkzeug ist wie ein guter Freund - zur Stelle, wenn es nötig ist!"

Tobias Pützer

Warum kaufe ich mir all diese Sachen?

Diese ganzen Objekte haben eins gemeinsam: Sie sind von höchster Qualität und haben eine geradezu erotische Wirkung auf mich. Und: Sie alle werden nicht wirklich gebraucht. In meinem Leben geht einfach selten etwas kaputt – und wenn doch, dann sind es nicht die Dinge, die man mit Werkzeug reparieren könnte. Es ist ein Trauerspiel. Warum also kaufe ich mir trotzdem all diese Sachen? Warum leihe ich mir kein Werkzeug vom Nachbarn, wenn ich es mal brauche? Das wäre viel billiger, vernünftiger, ressourcenschonender.

Weil ich nunmal ein Macher bin. Zumindest im Geiste. Im Baumarkt bestimmen mich dieselben Reflexe, die meine Freundin in einem Schuhgeschäft überrollen. Wenn ich durch die Gänge streife, schaltet sich mein Kopf aus. Ich fühle mich dann wie ein Kind im Legoland. Stelle mir vor, was ich alles bauen und schrauben könnte. Macher wollen ganz einfach vorbereitet sein. Ich will diese Werkzeuge anfassen, benutzen, besitzen. Denn wer weiß, was kommt? Gutes Werkzeug ist wie ein guter Freund – zur Stelle, wenn es nötig ist.

Meine Freundin sagt, ich hätte eine Schraube locker. Mag sein, aber ich kann sie wenigstens wieder festziehen. Schließlich habe ich einen Ratschenkasten mit 113 Teilen.

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