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Die Kunst der Improvisation

Manche Dinge machen erst auf den zweiten Blick Sinn. Oder auch auf den dritten nicht. Ist aber oft gar nicht so schlimm. Wer sich drauf einlässt, mehr Fantasie zu entwickeln und nicht nur auf Vernunft zu hoffen, dem öffnen sich völlig neue Wege – es lebe die Improvisation!

Text: Peter Praschl / Foto: Paramount Television 

Hallo, ich bin’s, der Typ, der sich für jeden noch so kleinen Schadensfall einen Profi kommen lässt. Ich habe eine gute Ausrede dafür. Ich bin der Sohn eines Bahnbaumaschinenkonstrukteurs, der Zeit seines Arbeitslebens ganz großartige Maschinen ersonnen hat. Der Mann war ein Genie. Mit so jemandem im Rücken konnte ich nur versagen. Ich war, wie fast alle kleinen Jungs, ein Terminator. Wenn ich etwas anfasste, ging es kaputt. Irgendwann habe ich nicht mehr daran geglaubt, dass Dinge tun, was ich will.

 

Mit dem Vaterwerden kommt die Improvisation

Regale andübeln, das geht gerade noch. Doch neuerdings habe ich wieder Hoffnung. Denn ich bin jetzt auch ein Vater – und dadurch selbst zum Maschinenbauer geworden. Meine Tochter, fast fünf, also in einem Alter, in dem man noch an Wunder glaubt, besteht darauf. „Papa, lass uns etwas bauen“, sagt sie, und dass sie unbedingt eine Wolkenmaschine braucht. Ich weiß zwar nicht, was das ist, aber es klingt gut, und so frickeln wir trotzdem eine zusammen, aus Ästen vom Spielplatz, Paketband, Haargummis, Legosteinen, Piratenschatzkisten, Zahnstochern und einem Gefrierbeutel. Irgendwann habe ich begriffen, was mich an Wolkenmaschinen so glücklich macht: das Improvisieren. Dieses Vermögen, das Kinder noch haben. In einer Pfütze ein Meer sehen zu können, in einem Ast eine Rakete, und in einem Haufen Kastanien einen Seeräuberschatz.

Irgendwann habe ich begriffen, was mich an Wolkenmaschinen so glücklich macht: das Improvisieren!"

Peter Praschl

Kindern fällt es nicht schwer, sich die verrücktesten Sachen auszudenken, und sie halten es für denkbar, so etwas mir nichts, dir nichts aus Dingen zusammenzufummeln, die für den erwachsenen Handwerker nichts miteinander zu tun haben. Seit ich für meine Tochter ran muss, träume ich von einem Handwerkertum im Geiste MacGyvers. Gebilde, die aus dem unpassendsten Material zusammengefügt werden. Maschinen, die zu nichts nütze sind und keinen Zweck erfüllen – außer jenem, die Maschine der Fantasie in Gang zu bringen.

 

Mein Traum: Handwerkertum im Sinne MacGyvers

Etwas Nützliches kann man sich heutzutage überall für ’nen Euro fünfzig kaufen. Die Dinge, die wir mit nicht mehr Aufwand als eine Google-Suche und für wenig Geld bekommen, sind so einschüchternd perfekt, dass es wohl nur noch selten Sinn hat, selbst welche herzustellen. Es sei denn, um etwas zu machen, das noch nie jemand gesehen oder ausprobiert hat. Es gibt eine Sinnhaftigkeit, die weit jenseits des Nützlichen, Effektiven, Funktionalen und sogar des Schönen beginnt. Mit erwachsenen Menschen, die ihr Glück darin finden, die Welt der Dinge neu zu ordnen und aus scheinbar nutzlosen Einzelteilen etwas wunderbar Überraschendes zu erschaffen. Warum? Weil’s geht.

Vielleicht muss ich nur machen. Loslegen. Wird schon werden"

Peter Praschl

Kann ich alles nicht, werde ich vermutlich auch nicht mehr lernen. Aber falls ich mich anstrenge, werde ich es in den nächsten Jahren schaffen, ein paar Objekte zusammenzubasteln, die bei meiner Tochter als Gespensterfallen durchgehen können, als Rentierfutterspender oder als Sommermessgeräte. Und danach werde ich mich endlich trauen, Regale nicht nur anzudübeln, sondern selbst zu bauen. Kann ja nicht so schwer sein. Vielleicht muss ich nur machen. Loslegen. Wird schon werden …

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